Die Kinder von Rishi Valley (Indien)

"Die Kinder von Rishi Valley - a silent revolution"

Vortrag am 16.10.2015 im Vereinshaus

 

Indien ist ein sehr großes Land, ein Subkontinent, ein Land voller Kontraste mit 1,3 Milliarden Menschen, mit Maharadschas, Programmierern und Ochsenkarren.

 

Bei einem Vortrag am 16.10. im Vereinshaus von St. Nikolaus in Wendelstein berichtete Dr. Thomas Müller aus Würzburg über die Lebensverhältnisse armer Menschen im Süden Indiens.

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Zwischen Bangalore und Chennai (früher Madras) liegt das Tal "Rishi Valley" im Süden des Bundesstaats Andhra Pradesh, wo Menschen am untersten Rand der Kastengesellschaft als Bauern leben.

Das Land und das Vieh gehören Großgrundbesitzern, die Bauern sind Pächter. Bis vor einigen Jahrzehnten wurde von allem Hirse angebaut, eine relativ genügsame Pflanze. Seitdem wurde vermehrt auf den Anbau von Reis gesetzt, der auch exportiert werden kann. Für die gefluteten Terrassen werden große Mengen Wasser benötigt, etwa 1000 Liter für ein Kilogramm Reis. 

In Gegenden mit genügend Regen ist das kein Problem; im trockeneren Rishi Valley jedoch wird Grundwasser verwendet, wodurch der Grundwasserpegel immer weiter sinkt. Für den Reis bekommen die Bauern aber kaum etwas, der Marktpreis ist sehr niedrig. Dementsprechend sind die Bauern meist verschuldet und sehr arm; so arm, dass man alte Menschen, die nicht mehr arbeiten können, manchmal einfach verhungern lässt.

Trotzdem bewahren die Menschen ihre Lebensfreude, zu der eine große Festkultur gehört. Gefeiert wird zu allen sich bietenden Gelegenheiten, wie Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen.

 

Die Männer überlassen die Landwirtschaft gern den Frauen und sitzen, wenn sie nicht auswärts oder handwerklich arbeiten, gerne im Teehaus und schwatzen. Ein in ganz Indien leidiges Thema ist die Toilettenfrage. Die Verrichtung der Notdurft unter freiem Himmel ist noch sehr weit verbreitet. Auf dem Land gehen die Menschen also in die Felder - und die Frauen dürfen nur nachts gehen, was ihrer Gesundheit nicht gerade zuträglich ist.


Der Schwerpunkt des Vortrags lag aber nicht bei diesen allgemeinen Zuständen, sondern auf dem örtlichen Schulwesen. Nach englischer Tradition besuchen die Kinder eine fünfjährige Grundschule, wo die Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt werden. Die allgemeine nationale Sprache ist Englisch (neben Hindi), daneben gibt es regionale Sprachen mit eigener Schrift. Die Sprache in Südostindien ist Telugu, das von etwa 74 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen wird.

 

Die schulpflichtigen Kinder aller Altersstufen werden alle gemeinsam unterrichtet. Bei solchen Schulformen stellt sich immer die Frage, wie der Unterricht organisiert wird, damit jedes einzelne Kind etwas lernt. Im Rishi Valley haben idealistische Akademiker schon vor vielen Jahren mit einem neuen System begonnen, dem fortschrittsbasierten Lernen. Dabei werden vorhandene Lehrpläne in kleine Einheiten zerlegt, die die Kinder nach einem Ablaufplan, so genannten Lernleitern, selbständig mit dem vorhandenen Lehrmaterial abarbeiten, einzeln oder als Gruppe. Dabei kann jedes Kind so schnell Fortschritte machen, wie es seinen Möglichkeiten entspricht.

Die Grundschule dauert damit nicht genau fünf Jahre, sondern so lange, bis die Lernziele erreicht sind. Dadurch ist diese Schulform der konventionellen deutlich überlegen. In Indien werden bereits 10 Millionen Kinder an 250.000 Schulen mit dem modernen Prinzip der Lernleitern unterrichtet.

 

IMG 4798Das in Plänen und Karten aufbereitete Lehrmaterial ist wenig aufwendig und passt in einen Tragekasten, als "School in a box".

 

Auf die Dauer verändert die neue Schulform auch die Gesellschaft. Der - verglichen mit konventionellen indischen Schulen - engere Kontakt von Jungen und Mädchen mag später auch zu einem kameradschaftlicheren Umgang der Männer mit ihren Frauen führen. Daneben wirkt die Schule auch direkt auf die Gesellschaft ein, indem Schülermütter und Großeltern eingebunden werden. 

Die Frauen werden eingeladen, sich zu treffen und auszutauschen, statt nur von früh bis spät pausenlos zu arbeiten. Und die Männer gewöhnen sich langsam daran, dass die Frau nicht jede Minute zur Verfügung steht - sondern auch einmal an einem Ausflug mit anderen Frauen teilnimmt. Die Alten werden eingeladen, den Kindern von früher zu erzählen, und Traditionen weiterzugeben - damit sind sie selbst nicht mehr überflüssig. Stolz geben die Kinder im Unterricht wieder, was sie von den Großeltern gelernt haben.

 

Das Schulprinzip von Rishi Valley wird auch in Europa beachtet. Fachleute wie der Referent des Abends, Dr. Thomas Müller von der Universität Würzburg, diskutieren und verbreiten die Methode des fortschrittsbasierten Lernen. So funktioniert die Entwicklungshilfe hier einmal anders herum als sonst, von Indien nach Europa.

 

Michael Klotzbücher

 

 

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