„In Brot und Wort schenkst DU uns Nahrung und Leben“

Bei der Liedzusammenstellung für diese Messfeier heute am 17. Sonntag im Jahreskreis erreichte mich eine Mail unseres Organisten Willy Eckert: „Können wir dies mal auch rhyhthmische Lieder singen; da finden sich bestimmt passende zum Thema ‚Fisch-Vermehrung‘.“ - Meistens nehmen wir ja die andere Gabe, das erste Lebensmittel, das im Evangelium heute (= JohEv 6,1-15) zur Sprache kommt, für den Titel dieser Jesuserzählung: die „wunderbare Brot-Vermehrung“. Von Kindesbeinen an habe ich mich beim Hören oder Lesen dieses Textes gefragt, wie denn das geht, dass du mit zwei „Fischlein“, wie es im Urtext heißt, und fünf gerstenen Broten 5000 Mann, dazu all die Frauen und Kinder - denn es war ja bestimmt keine Herrenrunde - satt bekommen kannst. Und zwar sogar genügend, ausreichend; wörtlich steht da: „Als die Leute sich angefüllt hatten, sagte Jesus: Sammelt das übrig Gebliebene ein.“ -

Manche sagen mir: der Jesus konnte das einfach, ein Wunder wirken, unerklärlich im Letzten, einfach göttlich, zauberhaft. Ein wirkmächtiger Befehl und schon geschieht es, wie es in dem Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ in einer Strophe heißt: „Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöhen, bald stürzen kann.“ Diese alte, im neuen Gotteslob wieder aufgenommene Strophe lasse ich nie singen, weil sie mir selber nicht über die Lippen will – ER, der Wundermann… „Hokus pokus fidibus“ heißt einer der meistbekannten Zaubersprüche; dazu vollführst du die entsprechenden Gesten und augenscheinlich geschieht Geheimnisvolles. Dieser Spruch ist eine Verballhornung, eine Verdrehung der lateinischen Worte, die im alten Mess-Ritus (als Kind, als kleiner Ministrant hatte ich das ja alles noch zu lernen) vom Priester bei der Wandlung über das Hostienbrot gesprochen wurden: „Hoc est enim corpus meum“. Das wurde ja nur halblaut, eher flüsternd und vom Zelebranten in ‚Gegenrichtung‘ der Gemeinde gesprochen, so dass es manche halt ins falsche Ohr bekommen konnten.20210724 BrotbrechenPfadisIm Urtext bei Johannes heißt es nicht: Als die Menschen dieses Wunder mitbekamen, sondern dieses Zeichen sahen, das Jesus tat. - Wenn ich mit den Kommunionkindern oder größeren Leuten über die Feier der Eucharistie spreche, mich austausche über den Empfang des Leibes Christi und woher denn dieses „sacramentum“, dieses „heilige Zeichen“ kommt, dann heißt die Antwort fast immer: Vom letzten Abendmahl natürlich, das Jesus mit den Seinen gefeiert hat im vertrauten Kreis und von seinem Aufruf: ‚Tut dies zu meinem Gedächtnis‘. - Die Antwort ist richtig, aber nicht ausreichend. Denn: All die nicht wenigen Brot-Zeit-Geschichten des Alten und den neuen Testamentes verdichten sich in der Feier des wahren Lebens-Brotes, uns vom Himmel gegeben. - Auch diese Szene heute, am Nordufer des Sees Gennesaret; bei mir trägt sie die Überschrift: nicht „Vermehrung“, vielmehr Gleichnis des Teilens. Denn es ist ja nicht ein Trick aus heiterem Himmel; es geht ja nicht aus dem Nichts los: „Hier ist ein Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fischlein“ - und scheinbar verteidigt dieses Kind nicht selbstgenügsam seinen Proviant „Will aber alles selber haben!“, so kommts ja manchmal trotzig-kämpferisch aus dem Mund der Kleinen und vielleicht etwas vornehmer auch bei uns großen Leuten, sondern der Junge behält die Gaben nicht für sich, er legt sie Jesus in die Hand, der dann die beraká spricht, also Danksagung und Segen über diese Gabe, ja Hingabe eines Kindes. Und dann wird geteilt und ausgeteilt und eine Bewegung entsteht: Die anderen werden sich anstecken lassen von diesem berührenden Beispiel des Jungen und fangen an, ihren Vorrat auch auszupacken und nicht selber zu „verputzen“: ‚Hauptsache, für mich langts‘, sondern ihre LebensMittel weiterzureichen.

Auf unserer Lebensreise, vom ersten Augenblick und Atemzug an, sind wir immer
Empfangende und deshalb müssen wir sozusagen naturbedingt und erst recht ermutigt durch den Glauben, auch Schenkende sein. Im Nehmen und im Geben vollzieht sich das alltägliche Geschehen unseres Lebens. Achtung bitte: Es kommt nicht auf die Quantität an – die eine hat halt mehr, der andere weniger zu bieten -, sondern dass wir das Teilen wagen aus dem Herzen heraus: „Auch das Geringste, das wir geben, es zählt bei DIR, du machst es groß“, so ein Liedvers, der mir nachgeht. Daraus folgt: Himmelschreiende Hungersnot, wie z.B. im äthiopischen Tigray, wo es ums Überleben zigtausender Kinder und Erwachsener geht in diesen Tagen - die ist nicht zu überwinden gleichsam übernatürlich aus Himmelshöhen durch einen Fingerzeig Gottes, sondern da braucht er Menschen, einzelne bis hin zu den Vereinten Nationen, die sich von diesen biblischen Erzählungen, von Geschehnissen wie diesen anrühren lassen und das Ihre dazu beitragen, die Misere zu lindern und mit wachen Sinnen wahr zu nehmen, was sich tut in unserer Welt. Mahatma Gandhi hat den Satz geprägt: „Es gibt so viele hungernde Menschen in der Welt: Gott muss zu ihnen in der Form von Brot kommen.“ Auch durch unsere Hilfe. 

Über d20210724 Brotzzeit klqie größte leibliche Bedrängnis hinaus aber braucht der Mensch auch die Kost für Herz und Gemüt, Nahrung für die Seele und die Hoffnung - übers Sattwerden für den Magen hinaus. Deswegen ja auch entzieht sich Jesus, als er spürt, dass viele ihn nur als Brot-König haben wollen, der entsprechend für den Unterhalt sorgt. Es gilt: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes hervor geht.“ Auch diese Wahrheit und Weisheit steckt heute drin in unserem Evangelium, denn: Die Gaben Brot und Fisch und ihre Anzahl haben in Bezug auf die Hl. Schrift symbolischen Charakter: Mit dem Brot zusammen will Jesus das Wort des lebendigen Gottes teilen und unter die Leute bringen - und beauftragt uns dazu. Sinnbildlich stehen die 5 Gerstenbrote für den ersten Teil der Bibel, für die 5 Bücher Mose, hebräisch toráh - oft übersetzt mit „Gesetz Gottes“ (und uns fallen dann eher ein: gesetzliche Vorschriften und Maßgaben - und wehe, du kannst alle diese Gebote und Verbote nicht befolgen…) - toráh meint vielmehr: Weg-weisung, also Hin-weise für ein gelingendes Leben; Ein-weisung in Haltungen, in denen sich unsere Gottesbeziehung ein Stück weit erkennbar wiederspiegelt; An-weisung, nicht beim Reden und Theoretisieren stehen zu bleiben, sondern von der Botschaft zu zehren, dass sie uns ‚übergeht in Fleisch und Blut‘. 
Und die zwei Fische stehen für die anderen beiden Teile des Alten, des Ersten Testamentes: 1. die Geschichts– und Weisheitsbücher UND: 2. die prophetischen Schriften. All das ist gedacht und überliefert als Hilfe und zum Heil für Menschen. Die Gute Nachricht von einem sorgenden und sich mit-teilenden Gott – sein Messias Jesus als das „Brot, das sich selbst verteilt“ - ist nicht für einen elitären Kreis nur bestimmt, sondern will ein Grundnahrungsmittel sein für uns und all die vielen— deshalb ist davon in den Schrifttexten heute die Rede: im 2. Buch der Könige Kap. 4,42-44 Versorgung für 100 Mann, also mehr als wir hier -- und auf dem heiligen Berg bei Jesus dann Tausende… Wie wird er bei seinem letzten Brotbrechen und Austeilen sagen: „Hingegeben für euch und für alle“ – so beten wir bis heute. Es wird reichen - für uns und für all die vielen; wir brauchen niemanden ex-kommunizieren. 

Es bleibt sogar noch übrig in reichlichem Maß. Der hl. Hieronymus, ein spiritueller Schriftsteller, der um das Jahr 400 die biblischen Texte aus den Ursprachen ins damals allgemein verbreitete Latein übersetzt, damit die Leute selber die Gottesgeschichten lesen konnten, wurde von seinen Schülern bezüglich dieser Evangelienstelle gefragt: ‚12 Körbe voll wurden nach der Speisung der Menge noch eingesammelt, so viel blieb übrig. Wie lange konnte man davon essen und sattwerden…?“ Die Antwort des Hieronymus: „Davon zehren wir noch heute.“ Und 200 Jahre später prägte Papst Gregor der Große den Satz: „Das Wort Gottes wächst mit den Lesenden“ - Das heißt: es zieht Kreise, indem wir es an uns heranlassen, uns damit befassen, es betasten und ein-tun ins Leben. - Jesus selber hat aus diesem Wort-Schatz gelebt, kannte seine hebräische Bibel wohl zu großen Teilen auswendig, hat wie seine Alters– und Zeitgenossen mit dieser Hl. Schrift das Schreiben und Lesen gelernt. Und macht uns Mut, das Brot des Lebens und das Wort des Heiles zu teilen und es zu unserer geistlichen Leibspeise zu machen. Dazu uns allen: Gesegnete Mahlzeit! Amen.                                                Mk

Fürbitt-Gebet

„Lied, das die Welt umkreist“:
Dass auf Erden in den Zonen von Gewalt und Menschenverachtung, 

von Willkür und Diktatur das neue Lied vom Leben in Würde vernehmbar bleibt;
dass den Dichtern die Gedanken der Hoffnung nicht ausgehen 
und den Sängerinnen nicht die Klänge von Freiheit.
>> IMMANUEL – GOTT-MIT-UNS: wir bitten dich, erhöre uns.

„Hilfe, die zu Hilfe eilt“:
Dass jene, die in diesen Tagen leiden unter schweren Verlusten – 
von Hab und Gut, von Haus und Hof, von Existenz und Zukunft -
nicht ohne Hilfe und Beistand bleiben – jetzt aktuell und dann, wenn die Schlagzeilen wieder wechseln.

„Brot, das die Hoffnung nährt“:
Dass es ausreichend Nahrung gibt für alle, 
dass wir die Gaben und Güter und Energien der Welt gerecht teilen,
und dass wir Menschen auch Stärkung erfahren für unser inneres Leben;
dass wir dankbar bleiben für das Brot der Freundschaft und Gemeinschaft.

„Regen, der die Wüsten tränkt“:
Dass wir den rechten Umgang lernen mit den Kräften der Natur,
dass alle, die von Wasserfluten oder von Hitzewellen bedrängt werden, nicht zu grunde gehen;
dass wir unsere besten Erkenntnisse einsetzen, das Haus Erde bewohnbar zu gestalten.

„Freude, die der Trauer wehrt“:
Dass alle unter dem Schatten einer Krankheit Pflege und Fürsorge erfahren;
dass allen in kritischer Lage ein Licht der Zuversicht geschenkt sei;
dass es Trost gibt für die Trauernden 
und neues Vertrauen für alle Niedergeschlagenen.

„Kind, das die Großen lenkt“:
Dass wir mehr auf die Kinder achten – in Staat und Kirche, 
dass ihr Bedürfen und ihre Rechte nicht übersehen und übergangen werden;
dass wir achtsam seien auf das „Kind-in-uns“ – voller gesunder Neugier und tiefer Sehnsucht.