"Am Sonntag ruh und bete gern..."

Wir schreiben das Jahr 112 n. Chr.  - im Römischen Reich ist einer mit Namen Plinius der Jüngere als Gesandter des Kaisers Trajan mit großen Vollmachten in die Provinz Bithynien und Pontus geschickt worden, heutige Türkei, um die‘ verlotterten Zustände dort in Ordnung zu bringen‘ und in die Zentrale nach Rom zu berichten, was sich vor Ort gesellschaftlich alles tut. Sein Bericht enthält das erste uns bekannte Zeugnis aus heidnischem Mund über das Leben der frühen Christengemeinden. Plinius schreibt: Es sei eine Gruppe, ‚die sich gewöhnlich an einem festgesetzten Tag vor Sonnenaufgang versammelt, um einen gewissen Chrestos oder Christus als ihren Gott Loblieder zu singen und dabei ein Mahl einzunehmen‘, und sich verpflichtet hätten ‚zur Unterlassung von Diebstahl, Treulosigkeit, Unterschlagung und anderen Unrecht‘. - Dieses Schriftstück hat sich durch die Jahrhunderte erhalten und belegt: Bei allem, was sich durch die langen Zeiten hindurch alles gewandelt und geändert hat, in der Lebensart der Menschen und in der Praxis des Glaubens, das ist von allem Anfang an bis heute ein starkes Charakteristikum, ein Kennzeichen unseres Christseins: die Zusammenkunft regelmäßig jede Woche zu Lobpreis und Gastmahl. Damals die gottesdienstliche Feier wohl noch in der Form der Hauskirche - das Christentum war ja noch eine absolute Minderheit und die Anhänger/innen Jesu öfters noch in Verfolgungssituationen. Der Zeitpunkt: in „Allerherrgottsfrühe“, weil der Sonntag damals noch ein gewöhnlicher Arbeitstag war und die Gemeindemitglieder dann ans Tagewerk zu gehen hatten.

Geändert hat sich das erst gut 300 Jahre später. Am 3. März 1074 seit der Gründung der Stadt Rom oder nach unserer Zählung: im Jahr 321 n. Christi Geburt erklärte Kaiser Konstantin den Sonntag zum Ruhetag. Durch ein Edikt, also einen höchst kaiserlichen Erlass, ordnet er an, dass wortwörtlich: „Am Tag der Sonne alle Richter, ebenso das Volk in den Städten, sowie die Ausübung der Künste und Handwerke ruhen sollen.“ (Also die Ausnahme: In der Landwirtschaft sollte bei günstiger Witterung auch an diesem freien Tag Feldarbeit erlaubt oder gar geboten sein. Das hält sich ja bis heute auch weitgehend durch…) - Ob jener Konstantin wirklich ein Gönner der Christen war oder gar selber ein überzeugter Jesus-Anhänger - das ist zu befragen. Wahrscheinlich war seine Mutter Helena eine fromme und gottesfürchtige Frau, von der er als junger Mann einiges mitbekommen hat; er selber war vor allem dem Mithras-Kult, also der Verehrung des Sonnengottes, zugetan. Auf jeden Fall: Konstantin schrieb die Sieben-Tage-Woche gesetzlich fest und machte den ersten Tag der Woche zum Gedenktag des „sol invictus“, zum Tag des unbesiegbaren Sonnengottes, zum Sonn-Tag, der den Christen seither als Feiertag dient: „Der Sonntag ist der Tag des Herrn, am Sonntag ruh und bete gern“ – diesen Merksatz schrieben wir als Kinder ins Reli-Heft. „Tag des HERRN“: in den romanischen Sprachen kommt das bis heute zum Ausdruck – lateinisch/ italienisch: „domenica“; im Französischen „dimanche“…

Im selben Jahr 321 hatte Konstantin auch eine andere Verlautbarung veröffentlichen lassen, indem er den jüdischen Gemeinden in seinem Reich, z.B. in Köln, Worms, Trier, die vollen Bürgerrechte zugesichert hat. Deswegen in diesem Jahr 2021 ein zweifaches Jubiläum: Jüdisches Leben in Deutschland und der arbeitsfreie Sonntag - seit 1700 Jahren. Ein denkwürdiges Zusammentreffen unterschiedlicher religiöser Traditionen, die doch so eng miteinander im Glauben verwandt sind. Was wir aber über lange Zeitstrecken so nicht gesehen und gelebt haben, oft verhielten wir uns eher als „feindliche Brüder“ - trotz unserer Herkunft aus dem Bundeschluss Gottes mit seinem Volk Israel und dann bekräftigt durch Jesus. Und trotz unseres gemeinsamen biblischen Wortschatzes, des Alten, des Ersten Testamentes und des Ursprungs Jesu, seiner Eltern Maria und Josef und der ersten Zeuginnen und Zeugen der Kirche aus der Glaubensgemeinschaft der Juden. 
Schon mindestens seit dem 8. Jh. vor Christus ist Israel Gottes Ruhetags-Gebot heilig: „Sechs Tage magst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber darfst du ruhen und selbst dein Rind und dein Esel sollen ausruhen und auch der Sohn deiner Sklavin und der Fremde in deinem Volk, damit sie zu Atem kommen“. (Exodus 20,8f) Spätestens seit dem Babylonischen Exil im 6. Jhdt. vor Christus wird die Feier des Sabbats zum wichtigen Unterscheidungszeichen gegenüber der heidnischen Umwelt. Die Arbeitsruhe am Sabbat ist später gleichsam die Blaupause für den christlichen Sonntag. Der Sabbat verweist auf die Vollendung der Schöpfung am 7. Tag: „Gott ruhte von all seinen Werken“; am Sonntag feiern die Christen die Auferstehung Jesu - über alle konfessionellen Grenzen hinweg. Er ist deshalb ein Zeichen ökumenischer Verbundenheit und weltweiter Ausdruck der einen, ungeteilten Christenheit in ihrem Glauben an die Auferweckung des Sohnes Gottes und den Sieg über Unheil und Tod, er hat endgültig keine Macht mehr über uns. Im Epheserbrief steht es so:“ Gott hat uns mit Christus auferweckt und uns mit ihm einen Platz in Himmel gesichert“ (Eph 2,6); und im Evangelium nach Johannes: „Gott gab seinen einzigen Sohn hin für uns, damit wir nicht verloren gehen, sondern in ihm ewiges Leben haben.“ (Joh 3,16) 

Nach biblischer Zählung ist der Sonntag der 1. Tag der Woche. Die UNESCO, die Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen, setzte 1976 die biblische Ordnung außer Kraft, indem sie sich für den Sonntag als 7. Tag der Woche aussprach - die Vertreter christlicher Nationen haben bei diesem Reglement offenbar ihre eigene Tradition vergessen oder hint-angestellt. Inzwischen wurde die UNESCO-Empfehlung als weltweite Angleichung von Datums– und Zeitangaben übernommen, 1992 als europäische Norm akzeptiert und 2006 in Deutschland nochmals bestätigt. (Deutsch korrekt hätte dann auch der Mitt-Woch umbenannt oder ‚verschoben‘ werden müssen). Deswegen heißt es in vieler Munde: „Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende“; oft antworte ich darauf: „Ihnen einen schönen gesegneten Sonntag!“ Denn schon vom Wortgefühl her bin ich am Wochen-Ende halt am Ende - mit meinem Arbeitspensum, mit meinen Erledigungen, meinen Kräften. Dann brauche ich das Wochenende zur Erholung, zum Ausspannen deswegen, dass ich am Montagfrüh wieder durchstarten und meine Leistung und alles, was von mir gefordert ist, erbringen kann. -- Wenn die Woche mit dem Sonntag als erstem Tag beginnt, dann beginnt die neue Zeitetappe mit der Feier, mit dem Frei-sein (zumindest für die allermeisten: circa 14 % aller ArbeitnehmerInnen in den 28 EU-Staaten arbeiten auch am Sonntag regelmäßig). Ich darf spüren: Vor aller Anstrengung: „Du musst dir das Deine hart erarbeiten“, „du musst dir das Leben teuer erkaufen“ und wie manche volkstümliche Sprüche lauten, ist das Leben allem voran ein Geschenk, eine Gabe, biblisch gesprochen eine ‚Gnade des Himmels‘. Was daraus folgt: Mein ‚Wert‘ bestimmt sich nicht nach dem, was ich erbringe oder nicht, sondern mein Leben trägt Würde in sich - von allem Anfang an. Das will uns der Sonntag immer neu bewusst machen. So gehört der wöchentliche Feiertag zu den großen sozialen und kulturellen Errungenschaften, die Europa seinen christlich-jüdischen Wurzeln verdankt. 

Doch wie lange noch? Wird mit dem weiteren Bedeutungsverlust des Christentums dann auch der freie Sonntag verschwinden... Manches spricht dafür. Denn wenn der Gottesdienst auf den Sonntag hin nur noch von den „religiösen Virtuosen“ besucht wird (wie der Soziologe Max Weber uns  KirchenbesucherInnen nennt), die sich in Europa mittlerweile weithin im einstelligen Prozentbereich bewegen, darf man sich nicht wundern, wenn mit der schwindenden, gesellschaftlichen Akzeptanz christlicher Riten, Symbole und Einrichtungen über kurz oder lang auch der gesetzliche Rahmen eines freien Sonntags dem veränderten Bewusstsein der Bevölkerung „angepasst“ wird, das seit längerem so zum Vorschein kommt: Einkaufsfreie Sonntage; Ausdehnung oder sogar Freigabe der offiziellen Ladenöffnungszeiten; vor Jahr und Tag schon die, wie ich finde, allzu schnelle Aufgabe des Buß– und Bettages; der vermeintliche Druck wirtschaftlicher Zwänge. Eine frühere Fassung des EU-Gesetzes, das den Sonntag noch als ‚Standard-Ruhetag‘ vorgesehen hat, wurde mittlerweile vom Europäischen Gerichtshof aufgehoben. Dann hast du halt irgendeinen freien Tag unter der Woche und andere in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis einen anderen. Diese Idee ‚freie Tage‘ in einem rollierenden System zu gewähren gabs schon vor Jahrzehnten, sie hat sich aber nicht durchgesetzt. Es ist scheinbar uns Menschen, unserem Wohlergehen angemessen, einen gemeinsamen Zeitraum der „Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“, so ist es grundgesetzlich in Deutschland verankert, zu begehen, zu gestalten und lebendig in die Zukunft zu führen. Einen, wie ich meine, wunderbaren Satz, habe ich in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes gelesen: „Der Sonn– und Feiertags-Garantie kann ein besonderer Bezug zur Menschenwürde beigemessen werden, weil sie dem ökonomischen Nutzendenken (‚was springt heraus, welchen Profit bringt es‘) eine Grenze zieht und dem Menschen um seiner selbst willen dient.“

An unserem Beitrag, meine Schwestern und Brüder im Glauben, dem Sonntag ein ‚besonderes Gesicht‘ und ein heraus-gehobenes Gepräge zu geben - für ein gutes Leben vieler - soll es auch in Zukunft nicht fehlen. Einverstanden? Wenn ja, dann: Amen. 

mk