Volkstrauertag: Natürlich mit Abstand…?

Allen ein herzliches Willkommen, die sich zu dieser Gedenkstunde heute am Volkstrauertag hier einfinden - in etlichen Gemeinden fallen diese Zusammenkünfte heuer aus - bei uns hier am Waldfriedhof in Wendelstein findet sie statt, unter den momentanen Corona-bedingten Maßgaben, mit den bekannten AHA-Regeln.

 „Mit Abstand“. Dieser Hinweis, diese Aufforderung begegnet uns in diesen Monaten auf Schritt und Tritt - im Supermarkt, beim Bäcker, in unseren Kirchen, bei Veranstaltungen wie hier in dieser Stunde. Sicherheitsdistanz, damit wir uns nicht zu nahe kommen und so einer unkontrollierbaren Ausbreitung der Infektion entgegenwirken. Manchmal ist es freundlich formuliert, da heißt es dann: „Natürlich mit Abstand“. Aber wirklich natürlich ist es ja nicht, wenn wir einander - ob in großer überschwänglicher Freude oder in tiefer Trauer - es nicht mit Herz und Händen zeigen können, dass wir Anteil nehmen, dass uns das Geschick des anderen berührt und bewegt. Am Eingang der Schule in Großschwarzenlohe das Schild: „Ihr seid mit Abstand die Besten“ - eine Ermutigung für die Schülerinnen und Schüler, verbunden mit dieser Erinnerung an die nötige Distanz. 
Ihr hier und Sie die Besten, die sich hier einfinden zu dieser Feier: die Wendelsteiner Musikanten, die Trompeter der Feuerwehrkapelle, die Abordnungen der Vereine, BGM Willi Milde und Mitglieder des Gemeinderates - und Sie, die Unentwegten, die sich auch von den Einschränkungen nicht aufhalten lassen, das Gedenken an die Toten der Weltkriege, an die Opfer von Vertreibung und Flucht, von Gewalt und Schrecken bis in unsere Tage herauf hoch-zu-halten. Auch unter Abstandsregeln.   

 Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser mittäglichen Einkehr: Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir auch schon all die letzten Jahre vor Corona diesen Gedenktag weitgehend „mit Abstand“ begangen. Der Kreis war immer überschaubar: ein harter Kern, ein kleines Aufgebot der Treuen, denen das ehrende Geleit der Verstorbenen ein Anliegen war und bleibt. Ein übergroßer Teil der Öffentlichkeit nimmt's allenfalls zur Kenntnis –Fahnen auf Halbmast heute, warum…– oder geht stillschweigend mit äußerem und innerem Abstand an diesem landesweiten Gedenken vorüber. - Vor ein paar Jahren gab's die Überlegung, größere Schüler zu dieser Stunde der Erinnerung einzuladen, dazu zu bitten, gleichsam als sozialkundliche Einübung - ich hab mir gedacht, wenn wir ‚reifere Semester‘, die doch um die unsäglichen Geschehnisse von früher und heute eher Bescheid wissen als die Jungen, mit uns sich nicht einmal auf den Weg machen in größerer Zahl und mit uns diese Zeit nehmen, brauchen wir die Nachwachsenden auch nicht „her-bugsieren“… 

20201115 RegenbogenKreuz Viele „auf Abstand“ - ein Grund wohl auch: Mit dem Abstand der Jahre und Jahrzehnte rücken die unseligen Leiden und die Taten gegen das Glück der Menschen und die Vergehen gegen den Frieden auf Erden in die Ferne… Mir sind sie vorletzte Woche wieder nahe gerückt – ich hatte nach Allerheiligen Zeit, das Taschenbuch von Navid Kermani zu lesen, einem deutsch-iranischen Schriftsteller: „Entlang der Gräben“. Es ist ein Reisetagebuch - mit Berichten über seine Besuche und Begegnungen im östlichen Europa - an der Oder-Neiße-Linie, in Auschwitz, in Litauen, in Weißrussland, in der Ukraine, auf der Krim, in Tschetschenien, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Berg Karabach. In nahezu allen Gesprächen mit betagten Leuten entlang dieser Reiseroute, mit Historikern, mit politisch engagierten Leuten werden Erinnerungen ans Licht geholt - aus uralten Zeiten, aus dem 2. Weltkrieg und danach mit unfassbaren Zahlen von Opfern an Soldaten, meist mehr noch an Zivilisten, an Unschuldigen. Frauen und Kinder malträtiert, ihrer Würde und ihrer Zukunft beraubt, ganze Landstriche verwüstet - die Lektüre ging mir nach bis in die Träume. Und vor allem die Erkenntnis, wenn du die Namen dieser Völker liest und hörst, dann klingen dir im Ohr ja aktuelle Nachrichten, dass es da und dort im Hier und Heute wieder zur Lügenpropaganda kommt, zu bewaffneten Konflikten, zum Gemetzel, zur Menschenverachtung, zur Großmannssucht, zu nationalistisch übersteigertem Patriotismus - der den andern runtermacht und nicht ebenbürtig als Mensch gelten lässt, ohne jeden Respekt, ohne Toleranz für uns in all unserer Vielfalt… Aber vielleicht ist das ja auch eine Haltung - Achtung voreinander, Toleranz, Solidarität -, die uns nicht „angeboren“ ist sozusagen, sondern die wir lernen müssen und einüben und erneuern, immer wieder. 

 „Natürlich mit Abstand“: Ich betrachte diesen Slogan  nochmals und merke: Mich dem Menschen neben mir, vor allem dem Anderen, dem bisher Unbekannten, dem mir noch Fremden zu eröffnen ist keine Selbstverständlichkeit, denn da stecken uralte Ängste in uns. In vielen frühen Menschheitskulturen ist der Fremde zuerst einmal der Feind, der von außen her im überschaubaren Bereich meines Lebensraumes auftaucht und diesen schon dadurch in Frage stellt, dass er anders ist als ich, als wir: Andere Überzeugungen, eine andere Art sich zu geben. So suchte man und sucht man den Fremden weg zu drängen, nicht in den eigenen Umkreis herein zu lassen. Im Lateinischen das Wort „hostis“ bedeutet zugleich Fremder und Feind. Erst allmählich entdeckt man, dass der andere mich nicht nur bedroht, in Frage stellt, sondern mich auch bereichert, meinen Horizont weitet, mich zu Neuem anspornt. Ein weiterer lateinischer Ausdruck für den Ausländer, den Fremden „hospes“ bekommt dann als zweite Bedeutung: „der Gast, der Gast-Freund“…

 Was uns da herum wendet, herum dreht, uns wandelt aus dem Neben- und Gegeneinander zum Mit- und Füreinander, hier vor Ort und weltweit, ich denke, das sind keine staatlichen Vorschriften, keine Gesetzesvorlagen, keine moralischen Appelle: Sei halt nicht so garstig, kleinlich, abweisend. Als biblische Weisung ist uns ins „geistliche Stammbuch“ geschrieben: „Liebe deinen Nächsten - wie dich selbst“, oder in einer anderen Übersetzung: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!“ -- Wie bin ich denn – gebaut, was ersehne ich mir denn: im Kern nur das eine – angenommen zu werden ohne Wenn und Warum, ohne Vorleistungen respektiert zu werden – das vereint alle Menschen dieser Welt; die Grundlage für uns im Glauben ist die Überzeugung, dass wir Menschen ausnahmslos Gottes Bild in uns tragen. Gott stellt uns alle miteinander vor sich hin. ER versammelt uns gleichsam alle um sich herum, damit wir uns mit SEINEN Augen sehen: als Kinder des einen Vaters im Himmel, als Schwestern und Brüder miteinander auf dem Weg durch diese Welt. Innerlich (und wenn's geht auch äußerlich) natürlich am besten ohne Abstand.

Gedanken zum Volkstrauertag von Pfarrer Michael Kneißl