Das unermesslich große Talent LEBEN

Wenn ich Texte aus dem Wortschatz der Hl. Schrift vernehme, wenn aus dem Glaubenszeugnis der Bibel vorgelesen wird, dann geht’s mir oft ähnlich wie beim Liedgut: Manche Stücke erkenne ich schon nach den ersten Takten die gespielt werden, die Melodie ist mir vertraut, bei manchem Lieblingslied weiß ich sogar, wann ich es zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe, in welcher Situation mich Klänge und Poesie dazu berührt haben - und ich summe gleich mit oder stimme mit ein - oder pfeife dazu. 
Bei anderen Musikstücken denke ich mir – früher schon und bis heute: So ein Gedudel, so ein Schmalzfetzen… Oder ganz schräge Kompositionen, die ich nicht unbedingt haben muss. So erging es mir lange mit der Evangelienstelle dieses 33. vorletzten Sonntags im Jahreskreis / Lesejahr A bei Mattäus Kap. 25, Verse 14 -30: Das Gleichnis von dem Mann, der auf Reisen geht und sein Vermögen den drei Dienern anvertraut. Da zieht es mich zunächst „innerlich zusammen“; von jeher haben mich Sätze daraus gleich „angesprungen“: „Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist und erntest, wo du nicht gesät hast.“ Oder: „Wer nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ Oder: „Werft den unnützen Sklaven hinaus in die Finsternis, draußen“. Und dazu sagen wir dann beim Hoch-heben des Buches der Bücher: „Evangelium – Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus: Lob sei dir, Christus.“ Echt, stimmt das, sehen Sie das so - eine heilsame Botschaft…? Oder keine andere Losung als die, nach der es in der Welt eh meist zu-geht: ‚Hast du was, dann bist du was. Wer zahlt, schafft an. Geld regiert die Welt‘ und taxiert uns Menschen ein; läufts auf die sattsam bekannten Spielregeln des liberalen Marktes hinaus: „Wer hat, dem wird noch gegeben und wer nicht mitspielen kann, der verliert; die Schere von Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Wehe, du bist auf der falschen Seite, dann wird’s brenzlig… 

 Ich taste mich also in die Geschichte hinein - welcher Gedanke er-hebt mein Herz, meine Seele, mein Denken - und was macht uns eher nieder? „Dem einen gab er 5 Talente, dem anderen zwei, einem dritten schließlich eines.“ Endgültig vergrämt wurde mir diese Erzählung in meiner Eibacher Kaplanszeit - da hatte ich für die Schulanfangs- und -schlussgottesdienste jedes Mal die Gitarre zu ergreifen und die ganze Meute aus der Peter-Henlein-Realschule und dem Sigmund-Schuckert-Gymnasium gesanglich und musikalisch durchzumanövrieren ( - kein Vergleich mit den stark vorbereiteten und abwechslungsreichen Schulandachten hier beim uns! -  ). Und der zelebrierende Geistliche  hat immer dieses Gleichnis am Ambo aufgetischt und stets eindringlich die Schülerschaft beschworen, doch die Talente einzusetzen, sie nicht zu vergraben, die Begabungen und Fähigkeiten, die uns unterschiedlich verliehen sind, zu intensivieren - zur Freude des Lehrkörpers, zum Stolz der Eltern und fürs eigene Vorankommen natürlich -, sonst gäbe es schulisch-beruflich womöglich ein schlechtes Ende, zum Schluss dann „Heulen und Zähneknirschen“, Verdruss. Verdrießlich und a wenig traumatisiert war ich nach dieser katechetisch-moralischen „Talentschmiede“ im Hause Gottes. 

 Öfters muss ich an einen Satz eines „Schriftgelehrten“ denken, der mich biblisch geformt und gefördert hat: „Die Hl. Schrift nicht einfach wortwörtlich nehmen, sondern ernst nehmen - in dem, was sie wirklich meint und uns als lebenshilfreiche Impulse an die Hand geben will“. Eine erste Klärung: Anselm Grün aus Münsterschwarzach, der als vielgelesener Autor die benediktinische Spiritualität „vermehrt“, bringt es im Blick auf unsere Bibelstelle auf den Punkt: „Dieses Gleichnis will weder den Wucher gutheißen noch die Profitgier rechtfertigen. (Einschub: kann es nicht, es gibt ja heutzutage keine Zinsen mehr, wenn du Geld auf die Bank bringst…) Es will uns vielmehr zeigen, wie das Leben gelingt und wie wir uns selbst am Leben hindern können.“ 
So ‚studiere‘ ich nach bei alten und neuen Übersetzern und Auslegerinnen des Wortes Gottes. - Der Kirchenlehrer Origenes, 180 –254 hat er in der Metropole Alexandria in Ägypten gelebt, deutet die Talente auf das Wort Gottes, das jeder und jedem gegeben ist. Wir können mit der Weisung Gottes umgehen nur dem Buchstaben getreu, was dasteht - er verknüpft diese Art und Weise mit dem 3. Knecht: da kommt nicht viel heraus -  oder wir suchen zu erkennen: was steckt dahinter, was lese ich in der „Tiefe“ - dieser geistliche Umgang mit der Botschaft bringt in uns reiche Frucht. - Der Bibelgelehrte Hieronymus, um 420 in Betlehem gestorben, deutet die 5 Talente auf unsere 5 Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen… die 2 Talente auf das Verstehen mit Geist und Herz / und unsere Werke, unser Tun - und das eine Talent auf die bloße Vernunft. Wenn wir mit allen Sinnen zu leben suchen, erschließt sich uns der Sinn des Lebens. Wenn ich allein mit dem Kopf alles begreifen und kontrollieren will, geht mir höchstens die Hälfte der Wahrheit auf, gehe ich in vielen Perspektiven, die für unser Leben auch wichtig sind, ‚leer aus‘. - In einer Bibelrunde sagte eine Teilnehmerin: sie finde es tröstlich, dass die Talente unterschiedlich verteilt sind. Denn wenn alle gleich viel bekommen würden, könnte man ja bei jedem ablesen, was er draus gemacht hat. So wissen wir nicht, wie die Gaben zugemessen sind und wieviel der oder die dazu gewonnen hat. -- Na gut, denke ich mir - trotzdem: wenn das der Weisheit letzter Schluss ist, dann hats der Schöpfer der Welt nicht gerecht eingerichtet: die einen können so viel, ein anderer fast gar nichts - oder er meint es zumindest, weil ihm die anderen noch nichts zugetraut haben oder ihm noch nicht zu Ohren kam, dass Mitmenschen durch ihn auf-erbaut werden, ohne dass er oder sie selber es bemerkt hätte…

 Es war auch in meinen Eibacher Jahren, da hat mich eine jugendliche Ministrantin auf eine dienliche Fährte geführt; nachmittags am 33. Sonntag hat sie geklingelt bei mir, nachdem sie in der früh im Gottesdienst dieses Evangelium gehört hatte. Dauernd habe sie jetzt überlegen müssen, was wohl in diesen Zeilen die Anregung Jesu für uns. Und ich hab sie eingeladen, ihre Erkenntnis mit mir zu teilen:  Wenn der Herr all seinen Untergebenen etwas zuteilt - was ist es, so ihr Ansatz, was uns Geschöpfen von IHM gegeben ist: das Leben. Das ist das alle Verbindende - bei aller Unterschiedlichkeit unserer Wege, unserer Herkunft, unserer Persönlichkeit, unsres Geschicks in Freud und Leid, in Gelingen und Versagen: 20201115 LoonieWir haben von IHM das Leben empfangen - und das gilt es zu leben, zu wagen, zu riskieren, nicht zu versäumen, nicht dass du am Schluss denken musst: Ist doch zu schade, auf Oberpfälzisch: z‘Toud schood (totschade), dass ich vor lauter Angst und Furcht vor dem Nicht-genügen mich rausziehe und verweigere. 
Das ist mir damals auf-gegangen, ein-geleuchtet - durch eine 16jährige Hörerin und Bedenkerin und Täterin SEINES Wortes. Seitdem lese ich auch diese Verse als eu-angelion, als Gute Nachricht und nicht als Drohbotschaft. 5 / 2 / 1: Dabei gehts nicht um ein Mehr oder ein Weniger, so verstehe und ergreife ich jetzt diese Erzählung, nicht um ein Besser oder Minderwertiger, nicht um ein Perfekter oder Unvollkommener, sondern, so bringt es  der jüdische Neujahrs– und Geburtstagswunsch ins Wort: Chajim—du, lebe! ER der Lebendige und Lebensspendende vertraut uns sein ‚Vermögen‘ an, er vermag es, uns ins Leben zu rufen, jeden Morgen neu und einmal für immer. Also deshalb: sei kein zögerlicher Knecht, der ständig auf andere bessere Zeiten wartet, sondern gestalte mit, halte durch, lass es an Deinem Beitrag im großen Mosaik der Menschheit nicht fehlen - sei keine säumige Dienerin, die alles auf morgen und übermorgen verschiebt, die von besseren Zeiten und Verhältnissen nur träumt, sondern an ihnen mitwirkt – sei ein, werde ein Mensch, der sich nicht vom Schuldigwerden erdrücken und in die Angst treiben lässt, sondern: Du, lebe. 
„Ich wusste, dass du ein strenger, ein harter Mann bist...“ - Woher weiß er das? Wie kommt er darauf, haben es ihm andere vorgesagt, eingetrichtert: „Wenn du brav bist, dann kannst du dich bei deinem Herrgott schauen lassen, wenn du nicht folgst und spurst, wehe…“ - Wir dürfen es im Glauben hinter Jesus Christus her anders wissen: „Barmherzig, geduldig und gnädig ist er, vielmehr als ein Vater es kann; er warf unsere Sünden ins äußerste Meer, kommt betet den Ewigen an“ - so eine Strophe aus der Frühzeit der rhythmischen Lieder. 
Darum, Schwestern und Brüder auf dem Weg, lasst uns einander Mut machen und einander Bereitschaft zum Einsatz, Hingabe erbitten - als Ausdruck unseres Glaubens und unserer Hoffnung auf den Gott, der ein Gott von Lebendigen ist, nicht von Toten. Ein Gott, der zur Vergebung bereit ist, d. h. der damit rechnet, dass nicht alles gut ist, was wir zuwege bringen, und der dennoch wünscht, dass wir ins Leben ein-steigen, das er uns, jeder und jedem „nach der eigenen Kraft“ überlassen hat, weil er uns vertraut. Amen.