„O Jesus, du Schlüssel Davids, du öffnest und niemand kann mehr schließen“


Predigtgedanken zur biblischen Botschaft am 21. Sonntag im Lesejahr A

„‘Ich lege den Schlüssel des Hauses Davids auf die Schultern Eljakims‘, Spruch Gottes des Herrn“. (Jesaja 22,19ff) – „‘Ich will dir, Petrus, die Schlüssel des Himmelreiches geben‘, sagt Jesus“. (Mattäus 16, 13-20)  > Schlüssel-Worte begegnen uns in den beiden biblischen Texten, die uns am 21. Sonntag im Jahreskreis vorgelegt werden. Ab und an geht’s mir so: Ich verlege einen Schlüssel und ‚alle heilige Zeit‘ habe ich solch ein gutes Stück auch schon einmal verloren. Da spürst du sehr schnell, wie wichtig so ein kleines Stück Metall sein kann. Es entscheidet, ob eine Tür aufgeht oder nicht. Wenn ich den Schlüssel nicht finde und niemand anderer da ist im Moment oder in nächster Zeit kommen könnte, muss ich draußen bleiben, zumindest so lange, bis jemand kommt und mir aufsperrt. Wenn ich jemandem einen Reserveschlüssel zu meiner Wohnung anvertraue, dann kann mir das in einer solch brenzligen Situation helfen.
20200823 SchlsselAber wem gegenüber tut man so etwas: einen wichtigen Schlüssel jemandem aushändigen... Mit dem Schlüssel gebe ich diesem Menschen die Möglichkeit, meine Tür auf und zu zu machen, ganz wie er, wie sie es für richtig hält, auch wenn ich nicht da bin: in Notfällen ein großer Vorteil. Andererseits ist damit auch Einflussnahme verbunden: jemand bekommt Zutritt, kann in meinem  privaten Bereich hineinschauen, kann sehen, wie ich wohne - und er könnte, wenn er wollte, auch mit den Dingen bei mir machen was er will, ohne dass ich in meiner Abwesenheit etwas dagegen unternehmen kann. Also: einen Schlüssel gebe ich jemandem, zu dem ich Vertrauen habe, dass er ihn in meinem Sinn verwendet, auf ihn acht-gibt, ihn nicht irgendwo leichtsinnig liegen lässt, auch nicht an einen X-beliebigen weiter gibt, auch nicht eine Person hinein lässt ohne meine Zustimmung. Wir möchten, dass er die Macht, die ihm der Schlüssel gibt, nicht missbraucht, nicht in unseren Sachen herumstöbert, nichts entwendet. - Ein Schlüssel schafft Möglichkeiten und Gefahren, er kann eine Hilfe sein, wenns drauf ankommt. 
Und das gilt nicht nur für Schlüssel aus Metall, genauso für Passwörter zu elektronischen Geräten, zu Programmen, ins Internet. Wer das Passwort, das Schlüsselwort hat oder kennt, kann einschalten, kann sich in internen Bereichen umsehen und informieren - wer es nicht hat, kommt nicht weiter. 
Auch in anderem Zusammenhang wird von Schlüsseln gesprochen: in großen noblen Hotels tragen die Leiter des Empfangs, bei denen sich Ankommende und Abreisende melden, Abzeichen am Revers der Jacke, die zwei gekreuzte Schlüssel zeigen - jede und jeder kann gleich sehen: das sind die Personen, die den Gästen Türen öffnen können, die sonst nicht aufgehen, und die dafür sorgen, dass der persönliche Bereich auch privat, intim bleibt. 

Bei den Räumen und Dingen, die durch Schlüssel-Wörter geöffnet oder abgeschlossen werden können, sei‘s in der Realität oder in der virtuellen Welt, weiß jeder, dass das, was geschützt wird, uns von Bedeutung ist - etwas wenig Wichtiges oder Wertvolles legt doch niemand in einen Safe und sperrt sorgfältig ab und verwahrt den Schlüssel, das Passwort. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen und Lebensumstände jetzt der Blick auf die Lesung und das Evangelium:
Wenn der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes über den neuen Palastvorsteher Eljakim im Königshaus sagt –sein Vorgänger Schebna wurde abgesetzt-: „Gott legt auf seine Schultern den Schlüssel des Hauses David“, dann wird auch gleich erklärt, was das heißt: ‚Er soll wie ein Vater sein, sorgend und aufmerksam für die Familie des Herrschers, ja für alle Einwohner in dessen Bereich‘. Und das geschieht dadurch, dass er mit seiner Macht manche Geschehnisse für das allgemeine Wohl möglich macht, auf den Weg bringt - und dass er andere verhängnisvolle, bedrohliche verhindert. Also eine große Verantwortung, die da jemandem anvertraut wird. Und Jesus verwendet das gleiche Bild, wenn er dem Simon Bar Jona (= Sohn des Jona), zu-spricht: Er, Petrus, soll öffnen und schließen können; Jesus spricht von den Schlüsseln des Himmelreiches. 

Vergangenen Sonntag habe ich die Eucharistie bei uns daheim in Kastl mitgefeiert, in der altehrwürdigen Klosterkirche St. Peter, meinem Lieblingsgotteshaus bis heute. Ich habe vorher einen Blick geworfen in die Sakristei, mein Bruder Andreas tut dort Mesnerdienste, und ich selber war ja in frühen Jahren lange Zeit da Ministrant. Wie eh und je hängt dort ein Gemälde mit dieser Szene: Petrus auf einer felsigen Anhöhe, im Hintergrund eine kleine Kirche, und Jesus, der seinem Apostel die Schlüsselgewalt anvertraut. Petrus steht auf dem Bild, so empfinde ich, ein bisschen da vor Jesus wie ein einsamer Kirchen-Funktionär - und auch, wenn er den ‚Primat‘, die ‚erste Stelle‘ empfängt in dieser Aufgabe zu binden und zu lösen, so gilt dieses Zutrauen Jesu doch nicht nur ihm allein. Heute in 14 Tagen wird uns diese „Schlüsselstelle“ noch einmal begegnen und da werden wir dann alle angesprochen, diesen Dienst auszuüben: „Jesus sprach zu denen, die ihm folgen: Amen, ich sage euch, alles was ihr auf Erden löst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ - Jesus legt uns seine Sendung ans Herz und in die Hände! Was für ein unbedingtes Zutrauen in uns und welch tiefe Vertrautheit mit uns schwachen Menschen muss dahinter stecken, uns für eine solche Aufgabe anzusprechen und gewinnen zu wollen! - Darum auch mein doch langer „Anlauf“ am Anfang der Predigt, dass uns das wirklich „aufgeht“ und „eingeht in Fleisch und Blut.“

In welche Richtung geht’s bei diesem Auftrag, was ist zu tun? - Ich erinnere daran, wo sich dieses Gespräch Jesu mit seinen Jüngern, diese Beauftragung des Petrus, abspielt, nämlich in Cäsarea. Cäsarea war der wichtigste Stützpunkt in Palästina für den größten Militärapparat des Altertums. Die römische Armee hatte dort ihr Heerlager, der Verwalter der Provinz seinen Sitz, hier war zur Zeitenwende die Groß-Macht zu Hause. Sie gab vor, was im Land möglich war und was nicht, sie hat ein paar Jahrzehnte später auch Jerusalem zerstört, den Tempel geplündert, Land und Leute ruiniert; sie hatte Macht über Leben und Tod. Von hier aus zog der Statthalter Pontius Pilatus zu besonderen Tagen hinauf nach Jerusalem, auch zum Prozess gegen Jesus. Und genau hier, wo die Kommando-Zentrale der Macht angesiedelt war, sagt Petrus zu Jesus, dass er ihn für den Messias hält: Der Messias (hebr. Maschiach), der Gesalbte, auf griechisch christós, wir verwenden das latinisierte ‚Christus‘, das war der Menschensohn, den Gott beauftragt hat, die Welt nach Seinem Plan wieder einzurenken und die ‚himmlischen Zustände‘, die wir Menschen vor Gott erhofften, herbei zu führen: eine Erde in Frieden und in Gerechtigkeit für alle. Manche meinten das ganz konkret: „Sieg über die Römer, diese heidnischen Besatzer raus und davon! Gott wird endlich der, der im Land das Sagen hat - und er wird dann natürlich vertreten durch uns, durch die, die sich für ihn vehement einsetzen.“ Und so wollen viele, auch in Jesu Gefolgschaft, gleichsam der Herrschaft Gottes nachhelfen, ihr die Pforten aufstoßen, wenns sein muss auch mit Gewalt. 

Jesus bestätigt, dass er der Gesalbte ist, verbietet aber, davon zu erzählen. Eigenartig, oder? Die „Leute von Welt“ damals und heute setzen doch meist alles daran –an Mitteln, Methoden und Medien-, in die Schlagzeilen zu kommen, im öffentlichen Gespräch zu bleiben. Warum wohl hier Jesu „Redeverbot“ an die Jünger… - Zu stark könnte die Versuchung sein, Jesus in der Spur der Großmächtigen, der ‚Großkopferten‘ dieser Welt zu sehen und entsprechend zu agieren, aufzutrumpfen, ‚von oben herab‘. Zu groß die Gefahr, dem Kommen des Reiches Gottes den Durchbruch zu verschaffen um jeden Preis, wenn‘s sein muss mit den harten Bandagen der Faust oder mit Messer und Schwert oder mit dem Aus-Säen von Misstrauen  und Halbwahrheiten. Jesus sucht mit aller Entschiedenheit den Willen Gottes und will ihn erfüllen - doch das geht nicht mittels eines heiligen Kampfes - „meint ihr nicht, der Vater im Himmel könnte mir Legionen von Engeln senden, wenn ich ihn bäte“, wird er am Ölberg den Seinen sagen -, sondern Jesus wagt es gewaltfrei und leidensbereit, nicht durch Angabe und Angeberei, sondern auf der Route der Hingabe, nicht durch göttliche ‚Besitzstandswahrung‘, sondern indem er sich entäußert, sich klein macht und gering, von der Krippe bis ans Kreuz - und so der zarten und weltverändernden Kraft der Liebe den Weg bahnt - bis in die Dunkelheit des Todes hinein und durch sie hindurch. 
Ich hab nach einem Lied im „Gotteslob“gesucht, in dem das zum Ausdruck kommt und hab dafür kein besseres gefunden als „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“; es findet sich in der Sparte „Weihnachtliche Gesänge“ (GL 247) - also wundern Sie sich nicht, wenn das zur ‚Danksagung‘ eingespielt wird. - Darin lesen und lernen wir, wer der allererste, der Aller-Erste ist im „Schlüsseldienst Gottes“ zum Heil der Welt und des Universums - nicht ein Papst von Petrus bis Franziskus, überhaupt keiner von uns, vielmehr Christus Jesus selbst: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“ - und in einer adventlichen Antiphon auf den Messias heißt es so: „O Jesus, du Schlüssel Davids, du öffnest und niemand kann mehr schließen.“ - Folgen wir ihm, hinein ins Geheimnis Gottes, das uns durch IHN offen steht - für immer. Amen.

(mk – mit Gedanken von Christine Fleck-B.)