Geduld mit anderen und mit mir selbst

 

Geduld mit mir und anderen (Mt 13, 24-43) - 16. So im Jahreskreis

Dem Weizen täuschend ähnlich
20200718 Taumel Lolch grKennen Sie Lolch? Lolch ist eine Pflanze, die gerade zur Zeit Jesu noch oft auf den Getreideäckern wuchs. Lolch ist ein Unkraut und sogar giftig. Lolch kann die Ernte eines ganzen Jahres rasch verderben. Wenn er ins Erntegut gelangt und mit den Weizenkörnern gemahlen wird, verunreinigt er das Mehl. Beim Verzehr stellt sich dann schnell die giftige Wirkung ein. Übelkeit, Sehstörungen, Schwindel und Taumel sind die Folgen. Daher rührt auch der landläufige Name der Pflanze: Tollkraut oder Taumel-Lolch.
Besonders ärgerlich ist zudem, dass Lolch ein wahrer Verwandlungskünstler ist. Lolch ist nur sehr schwer zu erkennen. Sein übler Trick: Er sieht dem Weizen täuschend ähnlich. Diese Ähnlichkeit ist sein Schutz. So überlebt der Lolch - unerkannt im Windschatten des Weizens. Verstärkend kommt noch hinzu, dass Lolch im Erdboden die Weizenwurzeln umschlingt. Will man Lolch jäten, rückt man auch dem Weizen gefährlich nahe an die Wurzeln. Zusammen mit dem Unkraut würde man auch die guten Halme ausreißen. So steht der Landwirt vor der herausfordernden Situation und einer schier unlösbaren Aufgabe: Da gedeiht giftiger Lolch im Weizenfeld, aber es schient keine Handhabe zu geben, das Unkraut zu beseitigen und den Lolch vom Weizen zu trennen...

Auf den Feldern meines Lebens

Kennen Sie Lolch? Heuzutage hat man in der Landwirtschaft durch den Einsatz von Herbiziden und durch eine hochtechnisierte Getreidereinigung den Lolch ziemlich eingedämmt. Auf den Äckern stellt er kein ernstzunehmendes Problem mehr dar. Aber auf den Feldern unseres Lebens gedeiht ‚Lolch‘ nach wie vor. Wir alle kennen Lolch! Im Persönlichen und Privaten, aber auch in unserer Welt und Gesellschaft ist ‚Lolch‘ in ganz verschiedenen Varianten im Umlauf. Im Sinne des Gleichnisses steht Lolch nämlich für all das, was uns die Freude trübt, was sich in das Schöne mischt, was Schaden anrichtet und sich nicht so einfach ausmerzen lässt. Lolch steht für das Haar in der Suppe, für die Schlagseite des Ganzen, den bitteren Beigeschmack und die vielen verhängnisvollen Verbindungen von Gut und Böse, von Schönem und Hässlichem, Starkem und Schwachem in unser aller Leben.

Diesen ‚Lolch‘ kennen wir alle! Vieles gibt es nur im „Zwei-in-eins-Pack". Kaum etwas existiert in Reinform. In allem steckt ein Quäntchen Lolch. Man denke doch nur an die eine Charaktereigenschaft eines Freundes oder einer Freundin, des Ehepartners oder der Kinder. Da wäre fast alles perfekt, gäbe es da nur nicht diesen einen Spleen, diese eine komische Marotte: den Jähzorn oder die Lethargie, die Unpünktlichkeit oder die ständige Besserwisserei. Auch noch in das Beste vom Besten mischt sich Lolch: in die Hilfsbereitschaft kann sich ein selbstgefälliger Unterton einschleichen, in meine Leistungsfähigkeit der Stolz, in meine Fürsorge und meinen Einsatz der -unterschwellige- Wunsch, doch nun auch dafür entsprechend bedacht und gewürdigt zu werden.
Lolch steht für alles, was es nicht in Reinform gibt, was nicht picobello ist; für alles, was durchwachsen ist und durchsetzt ́und kompliziert, schon irgendwie gut, aber eben auch nicht das „volle Korn". Eine leichte Lösung gibt es nicht. Lolch lässt sich nicht einfach aus dem Ackerfeld herausschneiden. Die Dinge lassen sich nicht mir-nichts-dir-nichts umkrempeln oder schnell wider ins Lot bringen. Wie oft geht es uns wie den Dienern im Gleichnis? Wir möchten das Böse mit Stumpf und Stiel ausrotten und müssen doch zusehen, wie der Lolch neben dem Weizen und der Weizen neben dem Lolch munter nebeneinander wachsen.

Nicht vorschnell einteilen und (ver)urteilen
20200718 GetreidefeldDas Gleichnis fängt viele schmerzliche Erfahrungen unseres Lebens ein. Es erzählt von der Gebrochenheit unserer Beziehungen, von der Schwäche und Armseligkeit unseres Glaubens, von oft kümmerlichen Erfolgen, von Rückschlägen und Wermutstropfen. Lolch und Weizen stehen in unserer Welt und in unsrem Leben oft nah beieinander.
Doch wenn wir sagen „Reiß es aus!", sagt Jesus „Lass es stehen!", wenn wir meinen, ausrotten zu müssen, sagt er: „Komm, lass es wachsen!" Dahinter verbirgt sich die ganz nüchterne Einsicht, dass der Lolch dem Weizen eben täuschend ähnlich sieht. Nicht immer lässt sich das eine vom anderen wirklich unterscheiden. Ein vorschnelles Urteil ist riskant und gefährlich.
Besonnenheit ist gefragt: Gerade während der Wachstumsphase fällt die Unterscheidung besonders schwer. Erst am Ende mag sich zeigen, ob der Halm Frucht trägt, ob sich Weizenkörner bilden oder nicht.
Mit Härte ist sowieso nichts zu erreichen. Dafür wachsen Lolch und Weizen viel zu nah beieinander. Geduld ist gefragt. Es hilft, sich hinzusetzen, Ruhe zu bewahren, zu überlegen und das Vertrauen einzuatmen, dass die Trennung und Sortierung einst ein anderer übernehmen wird. Entlastend ist dabei auch die Erkenntnis, dass das „Ackerfeld Welt", das „Erdreich Leben" gar nicht uns selbst gehört, sondern allenfalls an uns „verpachtet" ist. Es ist Eigentum des großen „Gärtners" Gott. Wenn er geduldig und in Langmut auf den Wildwuchs schaut, sollten wir in Panik verfallen und das Feld brachial mit der Harke bearbeiten?

Geschrieben für eine bedrängte Gemeinde
Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen gehört zu jenen Erzählungen, die uns nur das Matthäusevangelium überliefert. Dem Evangelisten muss dieses Gleichnis sehr am Herzen gelegen haben. Er schreibt es für seine Adressatengemeinde im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts nieder.
Diese frühen Christen erfahren Ablehnung und stoßen auf Widerstünde. Ihre Verkündigung trifft nicht nur auf offene Ohren und bereitwillige Annahme. Ganz im Gegenteil: Man begegnet der Botschaft sehr reserviert. Immerhin wurde der Messias Jesus, den die Christen verkünden, von den Römern als Verbrecher verurteilt und gekreuzigt. Auch am Inhalt der jesuanischen Botschaft scheiden sich die Geister. Das Gebot, den Nächsten und sogar die Feinde zu lieben, findet nicht nur begeisterte Annahme. Das Desinteresse der Menschen nagt am Selbstbewusstsein der Christen. Jesus hatte vom nahen Reich Gottes gesprochen, doch es gedeiht nur recht schleppend. Manchmal gewinnt man den Eindruck, es geht kaum etwas voran. Da kann einem schon der Geduldsfaden reißen. - Auch in der Gemeinde selbst greifen Lauheit und Frustration um sich: Ist denn die Welt ein einziger steiniger, von Lolch und anderen Unkräutern der Schwerhörigkeit verseuchter Acker? Wo Worte nicht helfen, möchte man am liebsten andere Saiten aufziehen. Auch der enttäuschte Rückzug wird zur ernsthaften Option: wenn die Menschen nicht hören wollen, sollen sie sehen, wo sie bleiben. Dann grenzen wir uns eben ab und igeln uns ein. Anstatt uns ständig mit kritischen Anfragen auseinandersetzen und auf Teilnahmslosigkeit stoßen zu müssen, ziehen wir uns in die selbstgewählte Isolation zurück, basta. Ganz anders aber klingen die letzten Worte Jesu, des Auferstandenen bei „Matthäi am letz- ten": „Geht hin und macht Menschen aus allen Völkern zu meinen Jüngern." (Mt 28,19) Der Auferstandene sendet die Seinen mitten hinein in die Welt. Er fordert sie nicht zum Rückzug, zur Abkapselung oder Absonderung ins „fromme Ghetto, jenseits der bösen Welt" auf. Der Einsatzort für uns in Jesu Namen ist das Ackerfeld der Welt, auf dem eben nicht nur Weizen gedeiht, sondern auch alle möglichen Unkräuter sprießen. Diesen mühsamen und zu Zeiten sehr frustrierenden Weg zwischen Weizen und Lolch setzt das Gleichnis ins rechte Licht.

Eine enorm entlastende Erzählung
Schon damals wollte Matthäus seiner Gemeinde mit diesem Gleichnis wohl vor allen Dingen Mut zusprechen. Er wollte zum Durchhalten auffordern und zur Gelassenheit beitragen. Und spüren wir nicht auch die Entlastung, die uns dieses Gleichnis noch heute schenkt? Es nimmt viel Druck von den Schultern! Ganz realistisch wird hier auf die Wirklichkeit unseres Lebens und unserer Welt, aber auch auf den Zustand unserer Kirche und unserer Gemeinden geblickt. Das Gleichnis befreit vom Druck und von der Panik, „einteilen" zu wollen und „ausreißen" zu müssen. Es mahnt uns zur Geduld - mit mir, mit anderen, mit dem großen Ganzen. Langmütig und liebevoll schaut der große Gärtner auf sein Ackerfeld. Lolch macht unseren Einsatz nicht überflüssig und kaputt. Am Ende, wirklich zu-GUTer-letzt, übernimmt ein anderer die Trennung und Sortierung. Wer weiß, vielleicht entpuppt sich bis dahin noch so mancher Lolch als gutes Korn. Derweil aber wird es genug sein, mit Hingabe guten Samen auszustreuen, für optimale Wachstumsbedingungen zu sorgen, den Weizen zu düngen und verheißungsvolle Setzlinge nach Kräften zu pflegen . Wir sind Säleute unter den Augen eines Gottes, der allen Menschen Zeit zum Wachstum schenkt und am Ende sicher keinen einzigen guten Halm übersehen wird. (Gedanken von Hans-Georg Gradl, Neutestamentler Oberpfalz/Trier)