Wer Ohren hat zu hören, der höre

Hörsam unterwegs im Leben, im Glauben – Gedanken zu Mt 13,1-9.18-23

„Hört nun, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet: Wer Ohren hat, der höre.“  Um Gottes Wort für unser Leben zu hören, deswegen sind wir da im Haus Gottes, dazu verlassen wir unsere vier Wände, kommen hierher, finden uns ein bei IHM: „Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören.“ Wer Ohren hat, der höre. Dazu drei „Einfälle“: 


20200711 HREN - Vor wenigen Tagen kam der neue Materialprospekt des Evangelischen Gottesdienst-Instituts, es ist angesiedelt in der Nürnberger Südstadt; unter den neuen Angeboten eine Reihe „Himmelreich“ – drei Klappkarten zu den Stichworten „wachsen“, „finden“ und „hören“. Der Blickfang auf letzterer, ein junges Elefantenkind, das seine überdimensionalen Segelohren weit aufklappt…

- Dass es ohne Hörbereitschaft nicht geht, zumindest in der Gefolgschaft Jesu und wenn du mitarbeiten willst am Aufbau SEINES Reiches, das hat mir vor Zeiten der kleine Lukas deutlich gemacht; der wollte am Abend so lang aufbleiben, bis der Pfarrer – ich – ins Haus kommt zum Taufgespräch für seine neugeborene Schwester, denn der Lukas hatte mir extra ein Bild gemalt, das wollte er mir noch wach persönlich übergeben: Ich habs bis heut vor Augen – am auffälligsten: zwei Riesenlauscher hat er mir an den Kopf gemalt, wie Satellitenschüsseln fasst, und vorn drauf auf die Brust ein knallrotes Herz. Und ich habe die Botschaft des Kindes so verstanden: Du, Michael Kneißl, hab Ohren und Herz weit und frei – und höre, vernimm, erspüre, lass dich treffen von SEINEM Wort! 

- Und ein drittes: in meinem Fundus an Postkarten eine, die mir Alfons Hutter vorzeiten geschrieben hat; das Bildmotiv darauf hatten wir zuvor im Original gesehen bei einer Fahrt mit Kurskollegen in den Hohen Norden; in Lübeck ein Besuch in der evang. Marienkirche, dem größten Gotteshaus dort weit und breit, mit einer gewaltigen Orgel und darunter jenes Motiv, ein Relief: zu sehen ist da an den Orgeltasten ein Virtuose seiner Zeit, Dietrich Buxtehude, und halb dahinter, seitlich daneben Johann  Sebastian Bach in seinen jungen Jahren; er kam für einige Zeit extra aus Arnstadt nach Lübeck, so die Inschrift darunter, um den Meister Buxtehude, den er sehr verehrte, innig zu „be-horchen“. Ja, du hast richtig gehört: be-horchen; mir war dieser Ausdruck auch ungewohnt, neu – nicht aushorchen oder abhören oder gehorchen, und die ganze Haltung des jungen Bach – Buxtehude zugeneigt; mit dem Ohr, mit seinem Wesen lauschen auf die Klänge und sie so aufnehmend, verinnerlichend... 

Jemanden behorchen – wer Ohren hat, höre. Jesus be-horchen, seine Geschichten, Gleichnisse, Worte wahrnehmen, heranlassen an mich, IHN selber, das  Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns Menschen wohnt, bei uns sein Zelt aufschlägt. - In diesem Schlüsselwort „Hörsamkeit“ (laut meinem alttestamentlichen Lehrer Alfons Deissler die Voraussetzung für echten Gehorsam!) kann ich selber ganz gut meinen Dienst, meine Sendung sehen. Und damit hat uns  Bischof Alois Brems selig konfrontiert – vor unserer Ordination, der Weihe zum priesterlichen Dienst am Fest der Begegnung, Maria besucht Elisabeth, dem 2. Juli 1983 gab es beim ihm die Skrutinien, also die Entscheidungsfragen des Bischofs an uns Priesteramts-Kandidaten; die erste lautete: „Bist du bereit, das Wort Gottes gemäß der biblischen Weisung, den Überlieferungen der Kirche und im Bewusstsein deiner Verantwortung zu vernehmen und zu verkünden – zum Heil der Menschen und unserer Welt? -- Dieses „Be-horchen“, glaube ich heute, ist eine der starken Lebenslinien, ein „main stream“, der mich zu dieser Berufswahl, zum Eingehen auf diese Art der Berufung hingeleitet hat. 

Immer wieder zwischendurch wird die Frage an mich gestellt, von jungen, von älteren Leuten: Wie oder wann oder durch wen sind Sie, Herr Pfarrer, bist du, Michael, auf die Idee gekommen, diesen Weg einzuschlagen…? Erste Berufswünsche weiß ich noch: Maurer, Lokführer, Apotheker, die Richtung Theologie erst später, in der Zeit meiner Jugendarbeit, bei Kolping, im Dekanat, mit den Ministranten. Nach dem Abitur die Aufnahme ins Seminar, der Gang an die Uni, ich fühlte mich hingezogen, aber wollte diese Wegstrecke als Prüfung und Erprobung begehen, ob es ‚taugt‘ und mein Weg werden kann … Ehrlich gestanden, den Tag und die Stunde meines Entschlusses kann ich dir nicht sagen; es gab ihn nicht so – wie es ihn durchaus geben kann: in einer Lebensentscheidung, einer Beziehungsgeschichte, einem existenziellen Vorhaben - diesen unumkehrbaren Moment, wo dir auf einmal das Weitere klar ist, unumstößlich. Ich hab im Theologiestudium zu Zeiten darauf gewartet, auf diesen Punkt, den andere manchmal auf Tag und Stunde exakt benennen können, die ab da wussten: das will ich tun. Ich war unruhig, erwartungsvoll … Dann hab ich nach-gedacht: Mensch, wo kommst du her: Von unserer Oma mütterlicherseits her – die einzige der Großeltern, die ich erlebte – sie war eine Hebamme auf dem Land - unterwegs zu den Leuten, zu Fuß, mit dem Radl, Motorrad hunderte von Malen, hin zu werdenden Müttern und Vätern, in die Häuser des neuen Lebens. Das entsteht nicht von heut auf morgen, damit musst du monatelang schwanger gehen, in Verborgenheit ist da die schöpferische Kraft Gottes am Werk – und dann ist es soweit: Leben kommt zur Welt, unter Freuden, unter Wehen, zeigt sich - du weinst, du freust dich, bist glücklich, staunst, wunderst dich, bist dankbar - als Eltern wisst Ihr um diese ‚anderen Umstände‘ weit mehr; so ähnlich gings mir auch in meiner eigenen Geschichte des Lebens, des Glaubens: ein Prozess, ein Werden und Reifen... - Und von meinen väterlichen Ursprüngen stamme ich ab aus der Welt der Landwirtschaft und des Landhandels. Kannst du vom Getreide sagen: Akkurat an diesem Tag jetzt ist die Gerste, der Weizen reif …. Mhm, das ist vielmehr eine Entwicklung – knospen und aufsprießen, ein Sich-entfalten und Heran-reifen, begleitet durch menschliche Arbeit und gewirkt durch die Kräfte der Natur, angestiftet von Gottes großer Gnade. Und nach vielen Übergängen, Wandlungen ist es dann allmählich so weit: Frucht hat sich gebildet, vielfach, eine  Zeit der Ernte – so ist es mir ergangen, so hab ichs erfahren: Gottes Gedanken weit über das hinaus, was ich mir ausdenken konnte; Wege der Zuversicht von IHM her durch meine Ängste hindurch und über meine Schwächen weit hinaus. Ein allmähliches Werden und Wachsen, schließlich das Mich-der-Entscheidung-stellen; durch manche Höhen und Tiefen ist die Gewissheit herangereift und hat mich erfüllt: wage es, ER trauts dir zu, als Sämann seines Wortes das Leben mit den Menschen zu teilen. 

Das spreche ich bewusst nicht in der Vergangenheits-, sondern in der Gegenwartsform, denn in diesem Geschehen von IHM her, aus meinem Inneren heraus und von Glück und den Nöten der Menschen und  unserer Zeit bewegt, bin und bleibe ich ja drin, Tag für Tag und durch manche Nächte: „Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel und nicht dorthin zurückkehren, sondern die Erde tränken und sie fruchtbar machen und sie zum Sprießen bringen und Samen geben dem, der sät, und Brot dem, der isst, so ist mein Wort - Spruch Gottes, des HERRN - das aus meinem Mund hervorgeht: Nicht ohne Wirkung kehrt es zu mir zurück, sondern es vollbringt, was mir gefällt, und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe.“ Ja, das Wort will einwurzeln und aufgehen, es drängt im biblischen Sinn jedenfalls zum Handeln. So heißt es selten im Alten, Ersten Testament: Ein Wort wird gesagt, sondern: Gottes Wort geschieht, es ereignet sich, drängt, es zu befolgen… - Fragt sich nur, ob ich ihm ausreichend Zeit und Raum widme im eigenen Leben. Denn davon erzählt ja das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld: Nicht von den anderen, den Leichtfüßigen, nicht von allen möglichen und unmöglichen Vögeln, die das Wort wegpicken -- nicht von den Felsig-harten, die sich resistent zeigen gegen Gott und seine Kirche -- nicht von denen, bei denen das Dorngestrüpp der Sorgen und Verrichtungen gleich alles ersticken kann… Sondern: Ich selber bin in diesem Bild gemeint - ich selber gehe zuweilen salopp, husch, husch über die Anfrage, den Ernst SEINER Botschaft hinweg; ich erschwere es SEINER Geistkraft, mein Inneres geschmeidig zu halten für SEINEN Anruf, da blocke ich ab und blockiere; ich bin es, der das Wort erstickt, weil ich eigenen Schlauheiten und auch Ängsten und Einbildungen mehr traue als SEINER Weisheit. 

Und – gebe es Gott-: Guter Boden möchte ich, möchten wir sein, damit der Same des Wortes auch heute bei dir, bei mir den rechten Grund, aufnahmebereiten Boden findet, aufsprossen kann, vielfältig Frucht ansetzt, zum Segen für uns selber und für unsere Welt. Amen.

MK