Jesus braucht und sendet „72 ANDERE“ – je zu zweit

Gedanken zu Lk 10, 1-9

Der Apostelabschiedsaltar von Tilman Riemenschneider
in der Allerheiligenkirche in Kleinschwarzenlohe

 20190700 ApostelaussendungZwölf Jünger hat Jesus berufen und ausgesandt, die Apostel - 12 an der Zahl; diese Zahl soll für die Fülle des Volkes Gottes in seiner Gesamtheit stehen; wir wissen: das Gottesvolk des ersten Bundes, Israel, ist aus 12 Stämmen zusammengefügt. Jesus weiß sich ganz in der Geschichte Gottes mit uns und so nimmt er die Zwölfzahl und ruft 12 Sendboten und schickt sie in die Zeit und in den Raum der Schöpfung Gottes. Er sendet sie bis an die Enden der Erde und verheißt ihnen, dass er bis ans Ende, bis ans Ziel der Zeiten bei ihnen sein wird. Damit scheint alles abgedeckt, seelsorgerlich geordnet und versorgt. 

Alles abdecken zu können ist Wunschtraum und Sorge vieler, die in den Bischöflichen Ordinariaten und in Landeskirchenämtern über den Stellenplänen für ihre Diözese bzw. ihren Kirchensprengel brüten. Die Zahl der amtlich Bevollmächtigten ist zu dem immer noch weit verbreiteten Christentum in ein offensichtliches Missverhältnis geraten. Theoretisch und symbolisch könnte ein Bistum, eine Ortskirche auch mit einer kleinen Zahl von Amtsträgern auskommen: 12 halt, nach der Weisung Jesu. Unsere röm-kath. Kirche konnte im Lauf der Jahrhunderte sogar nur noch ein Einziger verkörpern – nämlich der Bischof von Rom, der Papst, in früheren Zeiten ruhmvoll genannt: „Stellvertreter Jesu Christi auf Erden“, mittlerweile stimmiger: Nachfolger des Apostels Petrus im Dienst an der Einheit.

Wo es aber um ursprüngliche, unmittelbare Begegnung geht, zu festlichen Anliegen wie auch im Alltag, um Begleitung von Menschen in allem Auf und Ab des Lebens, braucht es mehr. Denn jede und jeder von uns hat nur ein bestimmtes Spektrum, in dem er oder sie sich den Mitmenschen aufmerksam, mit wachen Sinnen zuwenden und widmen kann. Da trifft es sich gut, dass im Kap.10 des Lukasevangeliums, im sogenannten „Reisebericht“, von einer zweiten Aussendung die Rede ist. Dort heißt es ohne nähere Erklärung wörtlich, dass der Herr noch „ANDERE“ bestellte, nämlich 72; für die Maßnahme wie die Zahl gibt es eine ganze Reihe Deutungen. 
Interessant ist es, sich zu fragen, wer diese Leute eigentlich sind. Was macht ihr Anders-sein aus; handelt es sich um weitere Jünger, welche die rechnerisch winzige Zahl 12 der zunächst Ausgesandten verstärken soll? In welchem Verhältnis bewegen sich diese 72 zu den Aposteln, stehen sie auf derselben Ebene oder sind sie ihnen untergeordnet? Haben sie vergleichbare Vollmacht, sind es Frauen und Männer, die die 12 ergänzen? Wenn ja, in welchem Rahmen, mit welcher Handlungsfreiheit? Das griechische Wort im Urtext, das hier mit „Andere“ wiedergegeben wird, hat auch die Bedeutung „heterogen“ = ungleichartig zusammengesetzt, uneinheitlich, handelt es sich also um Menschen, die von der Gemeinschaft der 12 abweichen, sie sogar sprengen? Sie sollen, wie es heißt, dorthin gehen wo sich Jesus selber hinbegeben wollte, also stellvertretend für ihn, an seiner statt. Meine Schwestern und Brüder im Glauben, kann jemand unmittelbarer, höher beauftragt werden …?

Dieser Begriff „andere“, die Jesus bestellt, lässt sich kaum so deuten, als sei nur eine bestimmte Gruppe von Leuten gemeint. Vielmehr sind es viele einzelne unverwechselbare Menschen mit ihren Lebenswegen, damals am Anfang und heute hier in unserer Zeit. Sie sorgen zusammen dafür, dass die Kirche ihren Weg nicht in besonderen Zirkeln, in unfrommen Extrawelten weiter geht, sondern unterwegs bleibt in einer Breite, die der Gesellschaft entspricht. Diese eigenartige Bezeichnung im Text des Lukasevangeliums, „72 Andere“, macht Mut, unbekümmert und ressourcenorientiert anhand der vorgegebenen Mittel und Personen über die zukünftige Ausgestaltung der Seelsorge nachzudenken. Gesetzt den Fall, sollte es in jeder Diözese nur noch 12 Amtsträger geben – an „Anderen“ dürfte es nie mangeln. Da bist du ganz persönlich gefragt mit deiner Erfahrung, deiner Phantasie, deinem Gottvertrauen, auch mit deinen Grenzen und zusammen mit den „anderen“ - im Gespür für unseren gemeinsamen Auftrag als Getaufte, bei dem du deine Akzente und Gaben mit hinein bringst. Sei so frei und trau dich. 
Paulus, der Völkermissionar, bekräftigt diese Erkenntnis und Sichtweise: in den letzten Zeilen seines Briefes an die Galater (Gal 6,14-18); oft hat er seine Briefe ja diktiert, dieses Schlusswort schreibt er eigenhändig und in großen Buchstaben, er fasst das Wesentliche zusammen: „Jetzt kommt es nicht mehr darauf an, ob beschnitten oder unbeschnitten, d. h. der ganze Streit, ob „altgläubiger“ Jude oder neu zum Glauben dazu Gestoßener, ob Sklave oder Freier, ob Mann oder Frau, ist überholt - ihr seid eins in Christus Jesus, seid in ihm eine neue Schöpfung - will sagen: beauftragt, den Glauben leben, der in der Liebe wirksam ist.

Einige Gedanken noch zu einer zweiten Zahl, die in unserem Text heute eine entscheidende Rolle spielt. „Jesus sandte sie zu Zweit vor sich her in jede Stadt und in jede Ortschaft, wohin er selbst kommen wollte“: Die Zwei! - Maria Walburg aus der Gemeinschaft der „Kleinen Schwestern Jesu“, ihr Leben lang ringend mit dem biblischen Wort, gibt folgende Hinweise: Die ersten hebräischen Worte der Heiligen Schrift lauten: bereschit bará elohim we ha-schamaim, we ha-aretz. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, bereschit bara, B: ist der zweite Buchstabe des Alphabets, der im Hebräischen beim Rechnen auch die Zahl 2 verkörpert, also: die Schöpfung basiert auf der 2. Unser Leben gründet auf der Polarität. Wir sind in dieser Welt keine Eigenbrötler, keine Solisten. Das heißt, das Grundmuster für unser Leben ist der Dialog, der Austausch: Geben und nehmen, empfangen und schenken, hören und reden, kommen und gehen. Jesus sandte sie aus zu Zweien: nach altem Rechtsverständnis braucht es immer zwei Zeugen, um eine Angelegenheit sachgerecht klären zu können – „audiatur et altera pars = es möge auch die andere Seite gehört werden“, so ein römischer Grundsatz. 
In der Bibel begegnen uns so oft Paare: Adam und Eva, Kain und Abel, Abraham und Sara, es passiert immer etwas zwischen den zwei, nicht dass die eine Seite gewinnt und die andere verliert. Leibseite und Geistseite, beides gilt es wahr zu nehmen in unserem Dasein; es fordert heraus und ergänzt sich. Beispiel Mose und sein Bruder Aaron: ohne Aaron, der „reden kann“, wäre Mose ein „Feigling“, würde sich nicht zum ägypt. Pharao hintrauen, um das Ende der Knechtschaft zu erwirken. Umgekehrt: Weil Aaron am Berg Sinai sich von Mose abwendet, verfällt er kurzerhand dem Götzendienst, lässt das „goldene Kalb“, eine Stierstatue zur Verehrung aufstellen. 
Also: Das muss ich stets neu vor Augen haben, dass ich ein Mensch des Dialogs bin; ich muss mich immer bekehren und sehen, dass der andere, die andere da ist; es geht darum, dass das eine das andere nicht verachtet oder gering schätzt. Beim Trauversprechen bringen es zwei Menschen voreinander ins Wort: „Ich will dich lieben, achten und ehren, alle Tage meines Lebens.“ Die Reihenfolge, glaub ich, gilt im gelebten Leben wohl besser umgekehrt: Ehren, achten und lieben. Die Liebe vor allem in höchsten Gefühlen ist nicht immer spürbar da, aber die Achtung voreinander kann ich lernen und einem Menschen die Ehre erweisen - das darf und muss ich üben. 

„Jesus sandte sie aus zu Zweien“: Auch in mir selber gilt es diese ‚Zweiheit‘ zu beachten, hinein zu lauschen in mich selbst, was sich da rührt, was mich bewegt, also den Dialog mit mir selber pflegen: das eine und das andere an Stimmen und an Stimmungen wahr nehmen, gleichsam mit mir selber sprechen. Und dann voran zu ziehen. -- Das Richtige und jetzt Stimmige zu beurteilen und zu entscheiden und zu wagen, ist manchmal nicht ganz einfach. Deshalb gilt das alte Wort: „Was man nicht selbst kann, kann man durch seine Freunde, durch seine Freundinnen.“ Und so ist unsere Aussendung durch Jesus je zu Zweien auch eine Einladung und eine Aufforderung, in der Schule der Freundschaft lernwillig zu bleiben. Und das Geschenk der Weggefährtenschaft und der Nähe der „Anderen“ dankbar zu empfangen - und so gut ich‘s vermag zu erwidern.

(Klaus Hamburger, Kl. Schw. Maria Walburg von Jesus, mk)