"Fließe, ströme: Leben – DU / Von der Kraft unseres Getauft-seins“

„Der HERR ließ mich etwas schauen… - so überliefert es uns Ezechiel (im Kap. 47 dieses Prophetenbuches) - …eine Vision - wie ein Traum.“ So wie du manchmal nach einer innerlich bewegten Nacht sagst: ‚Mensch, was mir geträumt hat, was mir da innwendig durch den Sinn, durchs Herz gegangen ist… Hie und da ja auch mittendrin am Tag: unvermittelt starke Bilder, die an deinem geistigen Auge vorüberziehen - hinter der nüchternen Wirklichkeit Ahnungen, die aufsteigen in dir. Oder: Ab und zu machen wir es so im Religionsunterricht oder bei der Andacht im Kindergarten: wir schließen die Augen, um einen inneren Blick zu tun... „Der HERR führte mich in solch einem Traum-Gesicht zu seinem Tempel“ - also nach Jerusalem. Wie schauts da aus, in dieser Stadt, im Hl. Land Israel, manche waren schon dort als Pilger, viele kennen es von Fotos und Berichten: Die Landschaft der Bibel von der Natur her die meiste Zeit eher karg, der Wuchs -anders als bei uns- meist spärlich. Bis auf die fruchtbaren Gefilde im Norden am See Gennesaret und direkt an den Ufern des Jordan ist jetzt im Sommer das Gras ausgedörrt, ein brauner „Struwwelteppich“ sozusagen, der Boden vertrocknet. 

„Und siehe: Da quoll Wasser hervor, es floss heraus, zuerst ein Rinnsal, dann ein plätschernder, ein sprudelnder Bach, knietief schon, schließlich ein Fluss, der in die Arabá, also Richtung arabische Wüste, Totes Meer, in das salzige Wasser dort hinab strömt – „und wohin das Wasser kommt, regt sich Leben, es wächst und reift, Bäume mit Blättern und Früchten - zur Heilung.“

20190610 QuelleinderBuchbergerUnd wo entspringt diese Wasserader des Lebens - am Heiligtum, am Haus Gottes. Will sagen: Gott zeigt sich dem Ezechiel und uns hier in diesem Text nicht als höchste Instanz -und wehe, du folgst nicht; auch nicht als letztes Prinzip – ‚irgendwos mous nou gebm, Herr Pfarrer‘ heißts dann - vielmehr als Quelle, die kostbares Nass in unsre Welt hereinfließen lässt, auf dein Lebens-Erdreich, um es zu befeuchten, zu durchdringen, gerade wo es wüst zugeht in dir und um dich und deine Zuversicht am versiegen ist. Gottes Gnadenstrom wie ein Heilwasser, das du schöpfen kannst, das dich erfrischen will, dir neuen Geschmack am Leben auf die Zunge und ins Herz legt; Gottes Da-sein bei uns   wie ein Wasserreservoir, wo du in der Hitze des Gefechtes Kühlung findest, wie in einer belebenden Dusche oder beim Besuch im Freibad oder nach einer Schwimmstunde am Rothsee - du steigst raus wie umgewandelt, frisch geboren: ‚Jetzt bin ich wieder a Mensch!‘ 

Das Ganze mit dem inneren Auge betrachtet, will sagen: Trau dich, genier dich nicht, einzutauchen in die Gegenwart Gottes - so wie dir gerade zumute ist: „Bei dir, Herr, ist des Lebens Quell, der Trübsal Wasser machst du hell, tränkst uns am Bach der Wonnen“ singen wir in einem Choral.

„Wohin der Fluss kommt, da werden alle Wesen, von denen es dort wimmelt, leben und die Fische werden überaus zahlreich sein.“ Ein symbolisches „Fisch-Abzeichen“ ist auf manchen Autos zu sehen - kombiniere: der Fahrer ist Mitglied in einem Angelsport- oder Fischereiverein…? Leider falsch! Es ist ein altkirchliches Erkennungszeichen - der Fisch heißt auf gut griechisch ICHTHYS und diese Buchstaben lasen die ersten Christen so Iesous CHristos THeou Yios Soter  >>  in deutsch: Jesus / Christus / Gottes / Sohn / Erlösen.  --  Jetzt kannst du den Spruch des Kirchenvaters Tertullian vom Anfang des 3.Jahrhunderts verstehen: >> Wir kleinen "Fische", die so nach unserem großen ICHTHYS Jesus Christus heißen, werden im Wasser (der Taufe) geboren und nur wenn wir uns im Wasser aufhalten, bleiben wir am Leben.“ Was passiert ansonsten mit einem Fisch: er wird ‚schwelch‘, atemlos; es wird lebensgefährlich.

Als Menschen und als Christen haben wir "dicht am Wasser gebaut" - von Anfang an: im Mutterleib herangewachsen - in der bergenden Hülle des Fruchtwassers. Weiter: Wenn große Gefühle und Stimmungen uns bewegen, dann kommt das Grundwasser unserer Seele in Wallung, es steigt auf und tropft uns über die Augenkante - da sind die hellen Tränen des Glücks, der Seligkeit, oder wenn du dich naasch lachen kannst; und da sind die dunklen Tränen der Schmerzen, von Not und Sterbeleid. 

Und: für alle, die sich Christen nennen, ist das Bad der Taufe bzw. das Übergießen mit Wasser das Eintrittszeichen in die Gemeinde Jesu. Taufen ist gleich tauchen - eintauchen in SEIN reiches Erbarmen, unter-tauchen, damit weggeschwemmt, ersäuft (so sagt es Luther) werde der "alte Adam" der Sünde, der Furcht, des Misstrauens, der Selbstbehauptung um jeden Preis und mit dem Auferstandenden auf-tauchen zu neuem Vertrauen und dereinst -im scheinbaren letzten Untergang- aus den Wellen und Wogen des Todes zu ewigem, unvorstellbar großem Leben. 

Die letzte unserer Hl. Schriften, die Offenbarung an den Seher Johannes, nimmt im allerletzten Kapitel der Bibel das Traumbild aus Ezekiel noch einmal auf: „Und der HERR zeigte mir in einer Vision das neue Jerusalem und darin den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, er entspringt am Thron Gottes und des Lammes und dient zur Heilung der Völker; nichts wird mehr ohne SEINEN Segen sein.“ Meine Mitchristen: Bleiben wir auf unseren Ursprung bezogen, halten wir uns auf in diesem SEINEM Element.

Ein kleiner Hinweis noch: Es heißt wörtlich in Ez 47,1: „Das Wasser floss von der rechten Seite des Hauses Gottes herab.“ Wenn du Darstellungen Jesu am Kreuz genau anschaust, vor allem aus älteren Zeiten, aus Holz geschnitzt oder auf Leinwand gemalt, so auch hier in der Peter und Paul-Kirche in Leerstetten am Kruzifix hoch am Bogen über uns, dann fällt auf, dass die Herzenswunde Jesu meist auf der rechten Seite des Gekreuzigten abgebildet ist. Jesu geöffnete Seite - herrührend davon, dass ein Soldat den sterbenden Jesus mit einer Lanze in die Seite stach, um zu sehen, ob er schon tot war. „Da -so bezeugt das Johannes-Evangelium- flossen Blut und Wasser hervor.“ - Moment mal: Befindet sich unser Herz normalerweise nicht eher links von der Mitte -klar, aber es geht da nicht um eine biologische Aussage, sondern um eine Nachricht des Glaubens. Der Johannes kennt seine Bibel, das Alte/Erste Testament sehr gut - auch die Tempelquellengeschichte: „Das Wasser rieselte rechts aus dem Heiligtum hervor.“ Er will sagen: In Jesus hat uns Gott sein wahres Gesicht gezeigt und sein Herz in Liebe eröffnet; er, unser Heiland, hat sein Herz ‚auf dem rechten Fleck‘ - für uns und für alle Welt; der wahre Ort für Gottes Gegenwart ist Jesus Christus: schau auf ihn, erfrische dich an seinem Wort und Sakrament; lass seinen Geist, der von der Taufe her ausgegossen ist über dir, von dir ausgehen auf jene, die dir begegnen. Damit die Kraft des Glaubens nicht versandet, sondern weiterfließt hin zu kommenden Generationen und Zeiten, als heilsame, belebende, zukunftsträchtige Gabe; gebe es Gott!                           

Michael Kneißl  (im ökumenischen Tauferinnerungs-Gottesdienst am Pfingstmontag in Leerstetten)

Bild: Quelle in der Buchberger Leite – Hermann Lahm