„Ich bin doch kein Esel! Oder lieber doch…?“

 

Gedanken von Michael Kneißl, Seelsorger im Pfarrverband „brücken-schlag“, veröffentlicht im Schwabacher Tagblatt am 13. April 2019:

Die kommenden Tage und Nächte um den Frühlings-Vollmond haben in der jüdisch-christlichen Überlieferung eine uralte Geschichte. Sie sind verbunden mit dem intensiven Wunsch nach Befreiung aus äußeren und inneren Fesseln, mit der Hoffnung, dass nicht das Geld die Welt regiert, sondern die Haltung des Miteinander und Füreinander uns prägt. Dass es Platz gibt für alle Menschenkinder im gemeinsamen Haus Erde. Dass der Geist des Friedens und der Gerechtigkeit und die wache Sorge für alles Lebendige die Schöpfung durchweht. 

20190413 EselDen Auftakt der großen heiligen Woche des Jahres bildet der Sonntag „Palmarum“: er erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem. Zusammen mit all den vielen, die sich auf Wallfahrt, auf Pilgerschaft begeben haben, zieht er zum Heiligtum - Zeichen dafür, dass wir von Gott in aller Vielfalt des Lebens  und in der Unterschiedlichkeit unserer Wege zu versöhnter Gemeinschaft berufen sind. Die Leute heißen Jesus willkommen und grüßen ihn als König des Friedens; ein Messias, ein Gesandter Gottes, der nicht mit Gewalt von oben sich aufdrängt, sondern sich als Gefährte für gute und schwere Zeiten an unsere Seite begibt. 

Fauna und Flora stimmen gleichsam mit ein: die Palmzweige sind Hinweis darauf, dass in Gottes Erbarmen die Hoffnung grünt und die Liebe aufblüht. Dass wir im Vertrauen auf IHN und im Respekt voreinander „auf einen grünen Zweig“ kommen und die Welt Zukunft erfährt, nicht Unheil und Untergang. Und: Jesus kommt - nicht hoch zu Ross, sondern auf dem Rücken eines Esels. 

Seit meiner Mithilfe beim Aufbau der Weihnachtskrippe in Kindertagen hat mir`s dieser Vierbeiner angetan, der seinen Stammplatz hat bereits beim neugeborenen Jesus. Und dieser ausdauernde Lastenträger wird wohl, so zeigen es viele Gemälde, mit Josef und Maria und dem Kind bei der Flucht nach Ägypten vor dem tyrannischen Herodes mit dabei gewesen sein und später wieder heim Richtung Galiläa. Und am Palmsonntag hat er seinen entscheidenden Auftritt, damals und heute: In manchen Gemeinden als lebendiges Exemplar bei der Prozession zur Kirche, andernorts als eine geschnitzte Figur mit dem Heiland auf dem Rücken. 

Warum der Esel? Vielleicht deshalb: die römische Besatzungsmacht traute jemandem, der einen Esel ritt, Verhandlungsgeschick auf dem Markt zu, aber mehr auch nicht. Und auch wenn in den heiligen Schriften der Bibel der Esel da und dort eine prophetische Rolle spielt: Ob das religiöse Jerusalem (oder Rom oder Genf oder Moskau) wirklich glaubt(e), dass der Bevollmächtigte Gottes ohne Glanz und Gloria, ohne alle Insignien der Macht auf einem Grautier kommt…? „Du dummer Esel“ sagen wir manchmal. Was nicht stimmt: Er hat ein sehr feines Gespür, unterstützt von Augen und großen Ohren, für mögliche Gefahren. Das Störrische, das dem Esel angedichtet wird, ist eine Fehlinterpretation: In kritischen Situationen verhält er sich abwartend, einschätzend. Zu unsicherer Partie lässt er sich nur schwer zwingen. Im unwegsamen Gelände ist der Esel ein „absturzsicherer“ Seismograph. Selbst in der Verteidigung derer, die er zu den „Seinen“ zählt, ist er mutig und auch wirkungsvoll. 

Ob wir nicht von diesem Begleiter Jesu stark lernen können, auch als zweibeinige Lebewesen (mir wird er immer sympathischer, schon von daher, weil ich selber immer grauer werde): Aufrichtige Bereitschaft, aber ohne blinden Gehorsam; Genügsamkeit und Ausdauer auf den Wegen des Lebens; den Buckel hinhalten, wenn es dienlich ist; mich rühren und die Stimme erheben - sei es freudig, sei es mahnend und „widerständig“… Wie schrieb mein Freund Bernhard in einem Segenszuspruch für den Gang durch dieses Jahr: „Ich wünsche deinem Herzen die Hoffnungssturheit des Esels“.

Allen eine gesegnete Route durch die Woche vor uns: Alltag und Sonntag, Feier– und freie Tage - die haben ja ihren Ursprung in der eingangs erwähnten Sehnsucht, dass Leben mehr ist als Malochen und Verdienen, Schachern und Kaufen: „I-aah“, so sei es.