"Barmherzig wie der Vater"

 20190331 verlorener Sohn1

Gedanken zum  Evangelium Jesu nach Lukas 15, 1-3.11-32

Jesus -wie so oft- wieder in besonderer Gesellschaft: „Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm“ - kein Wunder, dass die religiösen Insider -Schriftgelehrte, fromme Pharisäer- ungehalten sind und sich aufregen: Wie kann er bloß! Und mit diesen kirchlich Fernstehenden auch noch an einem Tisch... Zöllner und Sünder kommen, um ihn zu hören - nicht über irgendetwas, sondern über Gott und die Welt und SEINE Wege mit uns Menschen spricht der Rabbi aus Nazaret. Und er tut dabei das Fenster des Glaubens weit auf, über das bislang Gewohnte, die alten Denkmuster hinaus... Seine Bildgeschichten sind wie Fenster, durch die hindurch du sehen kannst, dass dein Leben unter der Königsherrschaft Gottes steht, eines Gottes, der nichts als Liebe, Wahrheit, göttliche Gerechtigkeit -also Barmherzigkeit- ist. Das macht sein innerstes Wesen und damit sein Wirken aus. Und diese ‚Charakterzüge Gottes‘ gewissermaßen, die sind auch in euch, in euer Herz hineingelegt. Gebraucht ihr sie in eurem Leben miteinander, so entsteht das Reich Gottes, das Reich des Friedens, der Versöhnung, der Freundschaft und der Ehrfurcht vor allem Leben mitten unter euch. Also nicht ein Reich der Gewalt und Vergeltung, nicht der Leistungsfrömmigkeit, der strengen Gesetzesmoral und der rächenden Strafgerechtigkeit. 

Wer mit Jesus betet: Du unser Vater / „ábba“ - so klingt es aus dem Mund und Herzen Jesu- für den verliert das Angesicht Gottes alle grauen- und schreckenerregenden Züge und er darf das Antlitz des bedingungslos liebenden Vaters erkennen. Jesus bricht unwiderruflich mit einer Religion der Furcht und Bedrückung. Paulus bringt es auf den Punkt: ‚Wenn jemand in Christus Jesus ist, vom ihm her denkt, mit ihm Glauben wagt, dass ist er eine neue Schöpfung; Altes ist vergangen, unerwartet Neues ist geworden, eine Zeit der Gnade, Tage des Heiles.‘ (1 Kor 5,17ff) Das stellt auch mein Verhältnis zum Mitmenschen und zu mir selber auf eine neue Basis - ich darf im anderen, jenseits aller eingewurzelten Vorbehalte, Vorurteile und Ängste, den Nächsten finden und ich darf im Blick auf mich selber die Gewissheit empfangen, das von unbeirrbarer Güte umsorgte Kind des himmlischen Vaters zu sein. Kaum ein anderes Evangelium wie das heutige kann uns diese Sichtweise aufschließen. 

„Er war verloren und ist wiedergefunden.“ Es war in meinem letzten Dienstjahr in der Pfarrgemeinde Neukirchen-Etzelwang und es war in diesen Tagen, im März. Da war ich heftigst am Suchen: mein Taschenkalender, ein kleines Ringbuch mit Einlegeblättern war verschwunden. Gut, einige Verpflichtungen hab ich im Kopf, aber den Großteil weiß ich nicht auswendig. Also alle Aufenthaltsorte der besagten Zeit nochmals abklappern: Gemeindehaus, KiGa, Schulzimmer, Sakristei, Arbeitszimmer… Hab ich das gute Stück evtl. beim Trauergottesdienst auswärts bzw. in der Jugendstelle liegengelassen; hin und her, Nachfragen, Telefonate. Zwei Tage später dann ein erlösender Anruf aus der Nachbarschaft: Ein Junge hat einen Ledereinband am Straßenrand gefunden; Aufatmen bei mir - aber als ich den Kalender in Händen halte, bin ich ernüchtert, nur ein paar Blätter drin - die Adressen von T bis Z sind noch da und ein paar einzelne Wochenzettel; 80 Prozent futsch, das Büch‘l war mir wohl beim Einsteigen ins Auto am Straßenrand unbemerkt aus dem Anorak gefallen, es war vorbeifahrenden PKWs unter die Räder gekommen, mitgeschleift, der Inhalt vom starken Winde verweht. -- Verloren und ja, irgendwie wiedergefunden, aber elend spärlich nur. Das eine und andere kann ich mir wieder erfragen - was mir am meisten nachgeht und mich herausfordert: Dass ich die etlichen Dutzende von Namen und Anschriften und Kontakten wieder sammeln und rausbringen kann von und zu Menschen, mit denen ich in Beziehung stehe: Verwandte, Freunde, Kollegen, Weggefährten: Die liegen mir am Herzen, die möchte ich nicht aufgeben, nicht mir-nichts-dir-nichts davon flattern lassen. 

Und ich hab mir gedacht beim Vorbereiten der Predigt jetzt zu diesem Text: Kneißl, wenn du dich schon so abtust um "deine Leute" und dich sorgst, dass Verbindungen nicht abreißen, um wie viel mehr unser Vater im Himmel. Der hat doch alle ins Dasein gerufen, kennt uns alle von A -Z (nicht nur die ‚religiös Brauchbaren‘) namentlich und mit Herz und Nieren, unsere Stärken, unsere ‚Untugenden‘. Keine und keinen einzigen von uns gibt er auf; lässt uns in Freiheit los und ziehen; hält längst Ausschau, läuft uns entgegen, küsst uns ab, birgt uns, steckt uns den Ring des Bundes an den Finger, trägt uns nichts nach. 

20190331 Rembrandt 1Der berühmte Maler Rembrandt bringt dieses Ankommen-dürfen und Angenommen-werden, so wie wir sind auch „mit Dreck und Speck“, unnachahmlich ins Bild: ‚Vater, ich habe gegen dich, gegen den Himmel gesündigt!‘ – ‚Mein Sohn war tot und ist wieder aufgelebt, er war verloren und ist wieder gefunden‘. Zur Sprache der Worte kommt -du siehst es- die Sprache des Herzens, der Augen, der Hände. Es fällt mir auf: Der Vater hat gleichsam zwei verschiedene Hände - eine große kräftige, breite Hand -wie ein Mann, a weng so a ‚Schaufel‘ wie ich selber  - und der Maler hat die andere wie eine Frauenhand dargestellt: eher zartgliedrig, fein, behutsam, sanft. Wenn Jesus von Gott als Vater spricht, geht‘s nicht um einen Patriarchen, um eine Über-Instanz, vielmehr um den Schöpfer aller, der auch mütterliche Züge trägt. Deshalb ist bei mir diese Erzählung vom barmherzigen Vater unlösbar mit einem Vers aus Jesaja verknüpft: „So spricht Gott: Kann denn eine Frau ihren eigenen Sohn vergessen, eine Mutter ihr leibliches Kind? Und selbst, wenn sie es vergessen würde: Ich vergesse dich nicht. Du bist mein.“ - Aus dem Kalender seiner Barmherzigkeit wird niemand gelöscht.

Gleichnis vom verlorenen Sohn, so heißt diese Geschichte von früher her. Jemand hat mich durcheinander gebracht, als er sagte: Wenn schon nicht Evangelium vom barmherzigen Vater, so muss es heißen: Gleichnis von den beiden verlorenen Söhnen. Denn es bliebe ja zuletzt offen, ob der ältere mit dazu kommt zum Fest der Versöhnung, ob er nicht abseits bleiben will - er spricht ja nicht mehr von seinem Bruder, sondern: „Der da, dein Sohn, der dein Geld durchgebracht hat…“ - Der Vater eilt eigens auch ihm entgegen, geht hinaus, bittet ihn herein: „Jetzt müssen wir uns doch freuen und feier, denn dein Bruder, schon totgeglaubt, lebt wieder“. Eine alte Meditationsanleitung rät, sich einmal der Reihe nach in jede der handelnden Personen hinein zu versetzen: Mag sein, dass ich mich eher in der Figur dessen sehe, der treu und redlich daheim das Seine verrichtet und ohne mords Eskapaden fleißig und rechtens lebt und er über das Verhalten des Vaters zornig wird, in Wut gerät: Sowas Ungerechtes, oder? Er kann in diesem Moment gar nicht sehen, dass ja auch er alles empfangen hat: „Der Vater sagte: Mein Kind, du bist allzeit bei mir und all das Meine ist dein.“ So wie es in einem Gebet im Messbuch heißt: „Gott, alles was wir sind und haben, kommt von dir. Lehre uns, alle Erweise deiner Vater-(und Mutter-)Güte zu sehen...“ Übersehen hab ich selber -und dabei les ich diese Geschichte seit Kindesbeinen- dass es am Anfang auf die Aufforderung des Jüngeren, sein Erbe schon zu Vaters Lebzeiten zu bekommen, heißt: „Da teilte der Vater beiden sein Vermögen aus, er machte ihnen auseinander, was er zum Leben hatte.“ Wir alle haben das Leben aus SEINEN Händen und können und sollen etwas daraus machen nach unserer je eigenen Art. Die Gaben und Begabungen, die Lebenschancen sind vielfältig, unterschiedlich - ohne ist niemand von uns. Und alle liegen wir IHM am Herzen. Wenn wir uns denn hin-trauen zu IHM. Jesus möchte uns dazu Mut machen. Die Kunstkenner sind sich ziemlich einig, dass sich Rembrandt -seine Biographie kennt neben manchen Erfolgen viele Durststrecken, dunkle Täler, ganz kritische Phasen- selbst als den heruntergekommenen Sohn in diese Szene hinein gemalt hat: Lassen wir uns von ihm mit nehmen - dass ich mich hin-wage so, wie mir zumute ist und wie ich beinander bin, äußerlich und innerlich. Dass ich meine Scham aufgebe und mich vor Gott zeigen kann ohne Fassade und falschen Stolz - er stellt mich nicht bloß; er führt mich nicht vor. In dem Maß, in dem ich mich hineingeben kann in das Denken und Fühlen dieses barmherzigen Vaters, wird die Kehrtwende in Gang kommen, die uns Menschen einander wahrnehmen lässt ohne Ausnahme als Kinder des einen Gottes, ein geschwisterlicher Umgang mit allen Geschöpfen wird wachsen; animus und anima in uns, unsere männliche und weibliche Seite darf zur Entfaltung kommen; sind wir doch -auch als verlorene Söhne und Töchter- Ebenbild und Gleichnis dessen, der uns Vater ist und Mutter und noch weit mehr…

MK

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Darstellung zum Evangelium in der Jahrekrippe in der Kirche St.Nikolaus

20190331 verlorener Sohn