Der Gottes-Name JAHWE: Ich-bin-da-wo-du-bist

„Gott antwortete dem Mose: Ich bin JAHWE, der Ich-bin-da; das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen...“ (Exodus 3). Ehrlich gesagt, für mich hat‘s lange Jahre meines Lebens gedauert, bis mir dieser Name Gottes bewusst eingeleuchtet ist, Bedeutung bekommen hat, bis ich ihn selber auf die Lippen und - das ist das Entscheidende - in mein Herz genommen habe. Denn: so will er heißen, in allen Generationen, zu allen Zeiten. So gehe ich mit Ihnen, mit dir gleichsam auf Entdeckungsreise anhand dessen, was die biblische Forschung und die geistliche Überlieferung zur Herkunft und inneren Kraft dieses Namens, dieser Offenbarung Gottes, bis heute aufgespürt hat, uns an die Hand gibt. 

Der lange Weg zum JAHWE-Glauben Israels begann, als unsere Vorfahren vor Jahrtausenden lernten, ‚nach oben zu schauen‘, hin zu den Mächten und Gewalten, von denen sie sich abhängig erfuhren und zugleich getragen wussten. Die Weisheit, empfangen im Ahnen und Staunen, lehrte sie, dass Größeres und Höheres da sein muss als sie selbst, die kleinen, vergänglichen Menschen. Und ihnen ging auf, dass solches Größere nicht von geringerer Daseins-Art sein kann als sie, die mit Ich-Bewusstsein und Wille begabten Geschöpfe. „Der uns das Ohr geschaffen hat, sollte der selbst nicht hören…“ bekennt der biblische Psalmenbeter. Geistige, personale Götterwesen begleiteten nun die Stammesgruppen und Volksgemeinschaften - freilich mit all der Doppelgesichtigkeit behaftet, die ja auch dem Menschenherzen eigen ist: Furcht und Güte, Belohnen und Bestrafen, Rache und Vergebung, Krankheit und Unwetter, Tod und Verderben – das schien zu bestätigen, dass von den Göttern das Gute wie das Böse kommt. Mit Opfern meinten sie, dem Zorn der Götter entgehen und ihre Gunst wiedererlangen zu können. Kriege um Weideland und Wasser, um Vormachtstellung und Unabhängigkeit wurden im Namen solcher Götter geführt, und der eine Gott erwies sich -für den eigenen Stamm- als schützend, der andere als vernichtend. 

Und es ist wieder die Weisheit, die eines Tages, wohl im 14.Jahrhdt. v. Chr. eine Gruppe von Nomaden, also von wandernden Hirten in der nordarabischen Steppe dazu bringt, ihren Schutzgott JAHWE zu nennen. Jahwe ist -typisch für die Namensgebung in der altorientalischen Welt- ein kleiner Satz, der eine Aussage über den Namensträger macht. Seiner 1.Wortwurzel nach, der aus arabischem Raum, heißt diese Gottes-Aussage: „ER weht“. Wie der Wind da ist, wollten die Viehhirten einander wohl sagen, so ist unser Gott für uns da. Du siehst ihn nicht, aber er "umweht“ dich von allen Seiten. Verborgen ist er da mit seiner bergenden, starken Kraft, wo immer wir uns aufhalten auf der Wanderschaft durch Grünland, Wüste und Gebirge – ER mit uns, ER um uns. Als eine spätere Stammesgruppe dieser ‚habiru‘, dieser hebräischen Nomaden in die Sklaverei der Ägypter geraten war und eines Tages auf abenteuerliche Weise dem Elend der Knechtschaft entrinnen konnte, stärkte und festigte das diese Gottessicht. Mit ihrem „ER weht“ werden die Befreiten dieser Exodus-(=Auszugs)Gruppe nach Kanaan, in das Land des späteren Israel kommen; das Alte/Erste Testament erzählt, das sei mit Kämpfen und Konflikten verbunden gewesen, denken wir an die Eroberung Jerichos mit Posaunen und Hörnerklang; das wird aber auf weite Strecken gleichsam auch ein Einsickern, ein Dazu-kommen gewesen sein, ein Miteinander-sich-arrangieren, dann sich Austauschen, ja Bereichern - denken wir an das Flüchtlingsgeschehen bei uns nach dem Krieg und jetzt auch in unseren Tagen...

Dort, im Land Kanaan, so die Bibelwissenschaftler, liegt die 2.Bedeutungswurzel von JAHWE. Sehr wahrscheinlich gab es da im Land selber, unter den ursprünglichen Kanaan-Bewohnern, auch eine Befreiungs-Erfahrung: Denn auch sie waren einer Übermacht entkommen, als um 1200 v. Chr. die bis dahin politische und militärische Oberherrschaft der Nachbarvölker über Kanaan zusammenbrach und die Menschen im Land sich endlich wieder zu einer freien und eigenständigen Gemeinschaft formieren konnten. Und da waren sie vielleicht ganz Ohr, als sie von der einziehenden Mose-Gruppe vernahmen, mit ihnen sei ein Gott unterwegs, um uns wie das Wehen des Windes, uns Menschen nahe wie die Luft, die wir atmen, ohne die wir leben können. Und sie, die habiru, die Hebräer kennen dieses Wort mit den zwei Silben JAH-WE ganz ähnlich auch in ihrer Sprache - und da kann es heißen, vielschichtig, mehr-sinnig: Ich bin der ICH BIN, aber auch: ich bin der ICH-BIN-DA und: ICH-BIN-DER-INS-DASEIN-SETZT. Hinzu kommt, dass das Wort, das wir mit „Ich bin“ übersetzen im Hebräischen grammatisch den sog. „ewigen Präsens“ ausdrückt, auf gut deutsch also nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft meint. Pinchas Lapide, ein jüdischer Schriftausleger versteht es so: Jahwe werde also nicht in der Form erscheinen, wie wir Glaubende es uns wünschen, sondern immer in der von ihm selbst bestimmten Art und Weise  - wie „Ich eben da sein werde“...

"Ich bin, ich war, ich werde sein" - das meint zudem in der Sprache Israels nicht ein bloßes Existieren, sondern: werden, geschehen, sich ereignen... Mit der 'Antenne unseres Glaubens' dürfen wir da die Zusage heraushören: * dass ER bei uns ist, *dass ER um uns herum 'geschieht', * dass ER am Werk ist, * dass alles, was da ist, durch ihn im Da sein und im Werden ist: Schöpfer des Himmels und der Erde, Freund des Lebens in jedem Augenblick...

20190324 SKderDie Erzählung vom brennenden Dornbusch, sie ist im 9.Jhdt. vor Chr. verfasst worden, verdichtet dieses Ineinander-verknüpft werden der beiden Bedeutungslinien: 

Sie spricht vom „Gott eurer Väter - Abrahams, Isaaks, Jakobs“ - das sind die Repräsentanten der Welt wandernder Hirten - ER, der sie und euch umweht und begleitet bei allen Wegen + ER ist der Ich-bin-da-für-euch, -für-dich. Deswegen ja auch stellt sich Gott in Beziehung vor: Ich bin der Gott des Abraham, der Gott für dich, Carolin, der Gott mit dir, Dieter (setze hier ruhig deinen Namen mit ein). - Martin Buber überträgt diese Gottes-Zusage so: Ich bin da wo du bist, spricht der Herr. -- Jahwe (im Hebr. mit vier Konsonanten IHWH geschrieben und von daher auch Vier-Buchstaben-Wort genannt) wurde so zu DEM großen Namen im Volk Israel. Man sprach diesen Namen in der Regel nicht aus und ersetzte ihn beim Lesen aus den Hl. Schriften mit "adonai - der Herr". Und das nicht nur aus Ehrfurcht, sondern auch deshalb, um die Gefahr zu bannen, dass der Gottesname zu einer "Formel", einem "Begriff" wird oder zu einem zerredeten Gebrauchswort, vielmehr um immer wieder neu diesen Zuspruch zu hören, zu erwägen, in meiner momentanen Situation: DU, mit mir, du um mich herum - komme, was kommen mag... Dass sich die neue Einheitsübersetzung dieser Praxis anschließt und den GottesNamen JAHWE zu „HERR“ macht, finde ich bedauerlich und unstimmig. Da halte ich mich lieber auf der Spur Jesu, auch betend in seiner Nachfolge, der uns lehrt, Gott unbefangen anzurufen, ohne „Majestätsbekundungen“ und mit IHM auf Du und Du zu gehen.

Von diesem Jahwe sprach Jesus, wenn er zu Gott betete und ihn Abba – Papa/Vater- nannte; und so leuchtet uns jetzt der ICH BIN DA auf ohne jede Ambivalenz, ohne jede Zweideutigkeit (Güte/ Strafe etc.). Und Jesus wird die Weisheit Gottes, seine Lebenskraft den "Geist der Wahrheit" nennen. In seiner Muttersprache ist Geist die "ruach", in der griech. Sprache der frühchristlichen Gemeinden das "pneuma" - ein Wort, das in beiden Sprachen die wehende, frische und erfrischende Luft bezeichnet. Die heilige ruach, die heilige Geistkraft - das ist das Wehen von IHM her, der Hauch, der Sturm und das Brausen, der Wind und der Atem seines Abba-Jahwe. "Dein Geist weht, wo er will", singen wir in einem rhythmischen Lied, "wir können es nicht ahnen, er greift nach unsern Herzen und bricht sich neue Bahnen. - Dein Geist weht wo er will, er ist wie ein Erfinder; aus Erde hat er uns gemacht, als seines Geistes Kinder." Und auch das Sinnbild des Lichtes, der Flamme -vom brennenden Dornbusch her- taucht wieder auf, wenn der Täufer Johannes über Jesus aus Nazaret, den „Knecht Jahwes“ sagt: Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer, mit dem Feuer der Liebe taufen. 

Meine Schwestern und Brüder auf dem Weg, eine Lichtspur des Gottsuchens und -erkennens zieht sich so durch die Zeiten, durch alle Generationen hindurch bis zu uns her. Und ich wünsche uns, dass wir davon berührt und ergriffen werden. Dass wir die uralten Geschichten lesend und hörend vernehmen und uns selber als mittendrin begreifen: Der Ort, wo du stehst und gehst, ist heiliger Boden. / Ich kenne dein Leid und höre deine Stimme, spricht der Herr. / Ich bin der Gott deiner Väter und Mütter, all deiner Vorfahren / und der ICH BIN FÜR DICH DA. Jetzt und auf immer.

mk (in Anlehnung an Gedanken von P. Reinhard Körner)