„Im Schulhaus Welt miteinander das Leben und den Glauben lernen“

"Betrachtung zum Sonntag" - veröffentlicht im Schwabacher Tagblatt am 8. Sept. 2018 

Die letzten Tage der großen Ferien sind um; am 11.  September ist der 1. Schultag - da „weht wieder ein anderer Wind“ und „der Ernst des Lebens“ beginnt, sagen manche. Wie verschieden auch unsere Lebenswege sind - an Herkunft und Lebensart, an Denkweisen -, so haben wir doch alle eine vergleichbare Lebensetappe: Wir sind mehrere Jahre in diese oder jene Schule gegangen, mit guten Erfahrungen, hoffentlich - wahrscheinlich auch mit einigen komischen Anekdoten und Erinnerungen. 

Auch in unserer Gottsuche auf der Spur des Jesus von Nazaret gehen wir „in die Schule“. Die, die Jesus folgen, ihm nachgehen heißen im Deutschen „Jüngerinnen, Jünger“, vom Mittelhochdeutschen „jungero“ = „Lehrling“, im Französischen „les disciples“, im Italienischen „discepoli“ vom lateinischen „discipulae /discipuli“ - wortwörtlich „Schülerinnen, Schüler“. Bei ihm, Jesus, dem Rabbi, dem Lehrer aus Nazaret, lernen wir: nicht für eine Institution, für ein religiöses System, für eine Kirchenkarriere, sondern fürs Leben - und so ist es gut, sich immer wieder zu stärken an seinem Wort, an seiner Weisheit, an seiner Langmut und Geduld mit uns, wenn wir unsere ‚Hausaufgaben‘ in seiner Nachfolge nicht machen oder so oft nicht oder schlecht kapieren, was Sache ist vor Gott und in der Welt. — Überlege: Wo bist du zur Schule gegangen… Spüre ein wenig nach, lass innere Bilder in dir aufsteigen: Was waren prägende Gestalten aus dem sogenannten ‚Lehrkörper‘ / was hast du gelernt (alles Mögliche natürlich) - gemeint ist: was dir heute noch dienlich ist…

Auch in der Suche nach Gott, in den Religionen und bei den Denkern, den Philosophen, gibt es verschiedene Schulen. Das Judentum, die großen Richtungen im Christentum: katholisch, lutherisch, reformiert, orthodox, freikirchlich - oder im Islam: Sunniten, Schiiten, Aleviten, Drusen und viele andere. Sie können einander bereichern und im Guten voran bringen, einander im richtigen Eifer anspornen, dem lebendigen Gott die Ehre zu geben - aber wehe! wenn sie sich selber, statt IHN allein, absolut setzen, dann wird daraus alsbald eine Ideologie, die Bibel sagt: ein Götzendienst.

Ich trage in mir das Bild, die Vorstellung: Alle Völker und Religionen gehen bei dem einen Gott in die eine Schule der Wahrheit und des Lebens und wir bilden in SEINEM Lehr-haus gewissermaßen verschiedene Klassen(verbände), spezielle Lerngruppen und drücken uns in unterschiedlichen Symbolen und Sprachen aus, aber man kann – um im „schulischen Bild“ zu bleiben - Fremdsprachen ja auch ein Stück weit lernen. Und schon wird vieles – auch was unterschiedlich bleibt - mir verständlicher, einsichtiger, anregend für das eigene Erkennen. Auf dem Lehrplan Gottes steht für alle, so glaube ich: Gerechtigkeit und Frieden, Respekt und Zuwendung, Achtsamkeit für die Schöpfung, Sehnsucht nach dem wahren Leben, lebendige Hoffnung im Hier und Heute und darüber weit hinaus… 

In Jesaja Kap. 58, 1-10 sind diese „Lernziele“ und Schritte dahin ausformuliert (und Jesus selber ist vor allem in die geistliche Schule der Propheten gegangen ist, sein Lieblingsfach waren nicht Reinheits– und Kultvorschriften): Das Brot teilen, dein Haus und dein Herz offen halten, dem anderen zukommen lassen was du selber zum Leben brauchst, nicht alles dem Profit und dem Geschäft opfern, dich deinem Nächsten nicht zu entziehen, die Fesseln des Unrechts zu lösen, Misshandelte aufzurichten. Und in all diesen „Werken der Barmherzigkeit“ wird Gott gegenwärtig, so verspricht er: „Siehe, hier bin ich. HIER bin ich!“ Also unser Gott nicht zu finden in einem überirdischen Ghetto, in anonymen Sphären, vielmehr: wir ertasten und erkennen IHN auf dem Antlitz, in den Gesichtern unserer  Schwestern und Brüder.

 

Allen an den Schulen einen guten Start, ein gesegnetes neues Schuljahr mit hilfreichen Erfahrungen; uns allen eine gesunde Neugier auf das, was die kommende Zeit an „Lerngewinn“ für uns bereit hält!

 

Michael Kneißl, „Hilfsschüler Jesu“ im Pfarrverband „brücken-schlag“