„O Jesus, du Schlüssel Davids, du öffnest und niemand kann mehr schließen“


Predigtgedanken zur biblischen Botschaft am 21. Sonntag im Lesejahr A

„‘Ich lege den Schlüssel des Hauses Davids auf die Schultern Eljakims‘, Spruch Gottes des Herrn“. (Jesaja 22,19ff) – „‘Ich will dir, Petrus, die Schlüssel des Himmelreiches geben‘, sagt Jesus“. (Mattäus 16, 13-20)  > Schlüssel-Worte begegnen uns in den beiden biblischen Texten, die uns am 21. Sonntag im Jahreskreis vorgelegt werden. Ab und an geht’s mir so: Ich verlege einen Schlüssel und ‚alle heilige Zeit‘ habe ich solch ein gutes Stück auch schon einmal verloren. Da spürst du sehr schnell, wie wichtig so ein kleines Stück Metall sein kann. Es entscheidet, ob eine Tür aufgeht oder nicht. Wenn ich den Schlüssel nicht finde und niemand anderer da ist im Moment oder in nächster Zeit kommen könnte, muss ich draußen bleiben, zumindest so lange, bis jemand kommt und mir aufsperrt. Wenn ich jemandem einen Reserveschlüssel zu meiner Wohnung anvertraue, dann kann mir das in einer solch brenzligen Situation helfen.
20200823 SchlsselAber wem gegenüber tut man so etwas: einen wichtigen Schlüssel jemandem aushändigen... Mit dem Schlüssel gebe ich diesem Menschen die Möglichkeit, meine Tür auf und zu zu machen, ganz wie er, wie sie es für richtig hält, auch wenn ich nicht da bin: in Notfällen ein großer Vorteil. Andererseits ist damit auch Einflussnahme verbunden: jemand bekommt Zutritt, kann in meinem  privaten Bereich hineinschauen, kann sehen, wie ich wohne - und er könnte, wenn er wollte, auch mit den Dingen bei mir machen was er will, ohne dass ich in meiner Abwesenheit etwas dagegen unternehmen kann. Also: einen Schlüssel gebe ich jemandem, zu dem ich Vertrauen habe, dass er ihn in meinem Sinn verwendet, auf ihn acht-gibt, ihn nicht irgendwo leichtsinnig liegen lässt, auch nicht an einen X-beliebigen weiter gibt, auch nicht eine Person hinein lässt ohne meine Zustimmung. Wir möchten, dass er die Macht, die ihm der Schlüssel gibt, nicht missbraucht, nicht in unseren Sachen herumstöbert, nichts entwendet. - Ein Schlüssel schafft Möglichkeiten und Gefahren, er kann eine Hilfe sein, wenns drauf ankommt. 
Und das gilt nicht nur für Schlüssel aus Metall, genauso für Passwörter zu elektronischen Geräten, zu Programmen, ins Internet. Wer das Passwort, das Schlüsselwort hat oder kennt, kann einschalten, kann sich in internen Bereichen umsehen und informieren - wer es nicht hat, kommt nicht weiter. 
Auch in anderem Zusammenhang wird von Schlüsseln gesprochen: in großen noblen Hotels tragen die Leiter des Empfangs, bei denen sich Ankommende und Abreisende melden, Abzeichen am Revers der Jacke, die zwei gekreuzte Schlüssel zeigen - jede und jeder kann gleich sehen: das sind die Personen, die den Gästen Türen öffnen können, die sonst nicht aufgehen, und die dafür sorgen, dass der persönliche Bereich auch privat, intim bleibt. 

Bei den Räumen und Dingen, die durch Schlüssel-Wörter geöffnet oder abgeschlossen werden können, sei‘s in der Realität oder in der virtuellen Welt, weiß jeder, dass das, was geschützt wird, uns von Bedeutung ist - etwas wenig Wichtiges oder Wertvolles legt doch niemand in einen Safe und sperrt sorgfältig ab und verwahrt den Schlüssel, das Passwort. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen und Lebensumstände jetzt der Blick auf die Lesung und das Evangelium:
Wenn der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes über den neuen Palastvorsteher Eljakim im Königshaus sagt –sein Vorgänger Schebna wurde abgesetzt-: „Gott legt auf seine Schultern den Schlüssel des Hauses David“, dann wird auch gleich erklärt, was das heißt: ‚Er soll wie ein Vater sein, sorgend und aufmerksam für die Familie des Herrschers, ja für alle Einwohner in dessen Bereich‘. Und das geschieht dadurch, dass er mit seiner Macht manche Geschehnisse für das allgemeine Wohl möglich macht, auf den Weg bringt - und dass er andere verhängnisvolle, bedrohliche verhindert. Also eine große Verantwortung, die da jemandem anvertraut wird. Und Jesus verwendet das gleiche Bild, wenn er dem Simon Bar Jona (= Sohn des Jona), zu-spricht: Er, Petrus, soll öffnen und schließen können; Jesus spricht von den Schlüsseln des Himmelreiches. 

Vergangenen Sonntag habe ich die Eucharistie bei uns daheim in Kastl mitgefeiert, in der altehrwürdigen Klosterkirche St. Peter, meinem Lieblingsgotteshaus bis heute. Ich habe vorher einen Blick geworfen in die Sakristei, mein Bruder Andreas tut dort Mesnerdienste, und ich selber war ja in frühen Jahren lange Zeit da Ministrant. Wie eh und je hängt dort ein Gemälde mit dieser Szene: Petrus auf einer felsigen Anhöhe, im Hintergrund eine kleine Kirche, und Jesus, der seinem Apostel die Schlüsselgewalt anvertraut. Petrus steht auf dem Bild, so empfinde ich, ein bisschen da vor Jesus wie ein einsamer Kirchen-Funktionär - und auch, wenn er den ‚Primat‘, die ‚erste Stelle‘ empfängt in dieser Aufgabe zu binden und zu lösen, so gilt dieses Zutrauen Jesu doch nicht nur ihm allein. Heute in 14 Tagen wird uns diese „Schlüsselstelle“ noch einmal begegnen und da werden wir dann alle angesprochen, diesen Dienst auszuüben: „Jesus sprach zu denen, die ihm folgen: Amen, ich sage euch, alles was ihr auf Erden löst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ - Jesus legt uns seine Sendung ans Herz und in die Hände! Was für ein unbedingtes Zutrauen in uns und welch tiefe Vertrautheit mit uns schwachen Menschen muss dahinter stecken, uns für eine solche Aufgabe anzusprechen und gewinnen zu wollen! - Darum auch mein doch langer „Anlauf“ am Anfang der Predigt, dass uns das wirklich „aufgeht“ und „eingeht in Fleisch und Blut.“

In welche Richtung geht’s bei diesem Auftrag, was ist zu tun? - Ich erinnere daran, wo sich dieses Gespräch Jesu mit seinen Jüngern, diese Beauftragung des Petrus, abspielt, nämlich in Cäsarea. Cäsarea war der wichtigste Stützpunkt in Palästina für den größten Militärapparat des Altertums. Die römische Armee hatte dort ihr Heerlager, der Verwalter der Provinz seinen Sitz, hier war zur Zeitenwende die Groß-Macht zu Hause. Sie gab vor, was im Land möglich war und was nicht, sie hat ein paar Jahrzehnte später auch Jerusalem zerstört, den Tempel geplündert, Land und Leute ruiniert; sie hatte Macht über Leben und Tod. Von hier aus zog der Statthalter Pontius Pilatus zu besonderen Tagen hinauf nach Jerusalem, auch zum Prozess gegen Jesus. Und genau hier, wo die Kommando-Zentrale der Macht angesiedelt war, sagt Petrus zu Jesus, dass er ihn für den Messias hält: Der Messias (hebr. Maschiach), der Gesalbte, auf griechisch christós, wir verwenden das latinisierte ‚Christus‘, das war der Menschensohn, den Gott beauftragt hat, die Welt nach Seinem Plan wieder einzurenken und die ‚himmlischen Zustände‘, die wir Menschen vor Gott erhofften, herbei zu führen: eine Erde in Frieden und in Gerechtigkeit für alle. Manche meinten das ganz konkret: „Sieg über die Römer, diese heidnischen Besatzer raus und davon! Gott wird endlich der, der im Land das Sagen hat - und er wird dann natürlich vertreten durch uns, durch die, die sich für ihn vehement einsetzen.“ Und so wollen viele, auch in Jesu Gefolgschaft, gleichsam der Herrschaft Gottes nachhelfen, ihr die Pforten aufstoßen, wenns sein muss auch mit Gewalt. 

Jesus bestätigt, dass er der Gesalbte ist, verbietet aber, davon zu erzählen. Eigenartig, oder? Die „Leute von Welt“ damals und heute setzen doch meist alles daran –an Mitteln, Methoden und Medien-, in die Schlagzeilen zu kommen, im öffentlichen Gespräch zu bleiben. Warum wohl hier Jesu „Redeverbot“ an die Jünger… - Zu stark könnte die Versuchung sein, Jesus in der Spur der Großmächtigen, der ‚Großkopferten‘ dieser Welt zu sehen und entsprechend zu agieren, aufzutrumpfen, ‚von oben herab‘. Zu groß die Gefahr, dem Kommen des Reiches Gottes den Durchbruch zu verschaffen um jeden Preis, wenn‘s sein muss mit den harten Bandagen der Faust oder mit Messer und Schwert oder mit dem Aus-Säen von Misstrauen  und Halbwahrheiten. Jesus sucht mit aller Entschiedenheit den Willen Gottes und will ihn erfüllen - doch das geht nicht mittels eines heiligen Kampfes - „meint ihr nicht, der Vater im Himmel könnte mir Legionen von Engeln senden, wenn ich ihn bäte“, wird er am Ölberg den Seinen sagen -, sondern Jesus wagt es gewaltfrei und leidensbereit, nicht durch Angabe und Angeberei, sondern auf der Route der Hingabe, nicht durch göttliche ‚Besitzstandswahrung‘, sondern indem er sich entäußert, sich klein macht und gering, von der Krippe bis ans Kreuz - und so der zarten und weltverändernden Kraft der Liebe den Weg bahnt - bis in die Dunkelheit des Todes hinein und durch sie hindurch. 
Ich hab nach einem Lied im „Gotteslob“gesucht, in dem das zum Ausdruck kommt und hab dafür kein besseres gefunden als „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“; es findet sich in der Sparte „Weihnachtliche Gesänge“ (GL 247) - also wundern Sie sich nicht, wenn das zur ‚Danksagung‘ eingespielt wird. - Darin lesen und lernen wir, wer der allererste, der Aller-Erste ist im „Schlüsseldienst Gottes“ zum Heil der Welt und des Universums - nicht ein Papst von Petrus bis Franziskus, überhaupt keiner von uns, vielmehr Christus Jesus selbst: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“ - und in einer adventlichen Antiphon auf den Messias heißt es so: „O Jesus, du Schlüssel Davids, du öffnest und niemand kann mehr schließen.“ - Folgen wir ihm, hinein ins Geheimnis Gottes, das uns durch IHN offen steht - für immer. Amen.

(mk – mit Gedanken von Christine Fleck-B.)

Geduld mit anderen und mit mir selbst

 

Geduld mit mir und anderen (Mt 13, 24-43) - 16. So im Jahreskreis

Dem Weizen täuschend ähnlich
20200718 Taumel Lolch grKennen Sie Lolch? Lolch ist eine Pflanze, die gerade zur Zeit Jesu noch oft auf den Getreideäckern wuchs. Lolch ist ein Unkraut und sogar giftig. Lolch kann die Ernte eines ganzen Jahres rasch verderben. Wenn er ins Erntegut gelangt und mit den Weizenkörnern gemahlen wird, verunreinigt er das Mehl. Beim Verzehr stellt sich dann schnell die giftige Wirkung ein. Übelkeit, Sehstörungen, Schwindel und Taumel sind die Folgen. Daher rührt auch der landläufige Name der Pflanze: Tollkraut oder Taumel-Lolch.
Besonders ärgerlich ist zudem, dass Lolch ein wahrer Verwandlungskünstler ist. Lolch ist nur sehr schwer zu erkennen. Sein übler Trick: Er sieht dem Weizen täuschend ähnlich. Diese Ähnlichkeit ist sein Schutz. So überlebt der Lolch - unerkannt im Windschatten des Weizens. Verstärkend kommt noch hinzu, dass Lolch im Erdboden die Weizenwurzeln umschlingt. Will man Lolch jäten, rückt man auch dem Weizen gefährlich nahe an die Wurzeln. Zusammen mit dem Unkraut würde man auch die guten Halme ausreißen. So steht der Landwirt vor der herausfordernden Situation und einer schier unlösbaren Aufgabe: Da gedeiht giftiger Lolch im Weizenfeld, aber es schient keine Handhabe zu geben, das Unkraut zu beseitigen und den Lolch vom Weizen zu trennen...

Auf den Feldern meines Lebens

Kennen Sie Lolch? Heuzutage hat man in der Landwirtschaft durch den Einsatz von Herbiziden und durch eine hochtechnisierte Getreidereinigung den Lolch ziemlich eingedämmt. Auf den Äckern stellt er kein ernstzunehmendes Problem mehr dar. Aber auf den Feldern unseres Lebens gedeiht ‚Lolch‘ nach wie vor. Wir alle kennen Lolch! Im Persönlichen und Privaten, aber auch in unserer Welt und Gesellschaft ist ‚Lolch‘ in ganz verschiedenen Varianten im Umlauf. Im Sinne des Gleichnisses steht Lolch nämlich für all das, was uns die Freude trübt, was sich in das Schöne mischt, was Schaden anrichtet und sich nicht so einfach ausmerzen lässt. Lolch steht für das Haar in der Suppe, für die Schlagseite des Ganzen, den bitteren Beigeschmack und die vielen verhängnisvollen Verbindungen von Gut und Böse, von Schönem und Hässlichem, Starkem und Schwachem in unser aller Leben.

Diesen ‚Lolch‘ kennen wir alle! Vieles gibt es nur im „Zwei-in-eins-Pack". Kaum etwas existiert in Reinform. In allem steckt ein Quäntchen Lolch. Man denke doch nur an die eine Charaktereigenschaft eines Freundes oder einer Freundin, des Ehepartners oder der Kinder. Da wäre fast alles perfekt, gäbe es da nur nicht diesen einen Spleen, diese eine komische Marotte: den Jähzorn oder die Lethargie, die Unpünktlichkeit oder die ständige Besserwisserei. Auch noch in das Beste vom Besten mischt sich Lolch: in die Hilfsbereitschaft kann sich ein selbstgefälliger Unterton einschleichen, in meine Leistungsfähigkeit der Stolz, in meine Fürsorge und meinen Einsatz der -unterschwellige- Wunsch, doch nun auch dafür entsprechend bedacht und gewürdigt zu werden.
Lolch steht für alles, was es nicht in Reinform gibt, was nicht picobello ist; für alles, was durchwachsen ist und durchsetzt ́und kompliziert, schon irgendwie gut, aber eben auch nicht das „volle Korn". Eine leichte Lösung gibt es nicht. Lolch lässt sich nicht einfach aus dem Ackerfeld herausschneiden. Die Dinge lassen sich nicht mir-nichts-dir-nichts umkrempeln oder schnell wider ins Lot bringen. Wie oft geht es uns wie den Dienern im Gleichnis? Wir möchten das Böse mit Stumpf und Stiel ausrotten und müssen doch zusehen, wie der Lolch neben dem Weizen und der Weizen neben dem Lolch munter nebeneinander wachsen.

Nicht vorschnell einteilen und (ver)urteilen
20200718 GetreidefeldDas Gleichnis fängt viele schmerzliche Erfahrungen unseres Lebens ein. Es erzählt von der Gebrochenheit unserer Beziehungen, von der Schwäche und Armseligkeit unseres Glaubens, von oft kümmerlichen Erfolgen, von Rückschlägen und Wermutstropfen. Lolch und Weizen stehen in unserer Welt und in unsrem Leben oft nah beieinander.
Doch wenn wir sagen „Reiß es aus!", sagt Jesus „Lass es stehen!", wenn wir meinen, ausrotten zu müssen, sagt er: „Komm, lass es wachsen!" Dahinter verbirgt sich die ganz nüchterne Einsicht, dass der Lolch dem Weizen eben täuschend ähnlich sieht. Nicht immer lässt sich das eine vom anderen wirklich unterscheiden. Ein vorschnelles Urteil ist riskant und gefährlich.
Besonnenheit ist gefragt: Gerade während der Wachstumsphase fällt die Unterscheidung besonders schwer. Erst am Ende mag sich zeigen, ob der Halm Frucht trägt, ob sich Weizenkörner bilden oder nicht.
Mit Härte ist sowieso nichts zu erreichen. Dafür wachsen Lolch und Weizen viel zu nah beieinander. Geduld ist gefragt. Es hilft, sich hinzusetzen, Ruhe zu bewahren, zu überlegen und das Vertrauen einzuatmen, dass die Trennung und Sortierung einst ein anderer übernehmen wird. Entlastend ist dabei auch die Erkenntnis, dass das „Ackerfeld Welt", das „Erdreich Leben" gar nicht uns selbst gehört, sondern allenfalls an uns „verpachtet" ist. Es ist Eigentum des großen „Gärtners" Gott. Wenn er geduldig und in Langmut auf den Wildwuchs schaut, sollten wir in Panik verfallen und das Feld brachial mit der Harke bearbeiten?

Geschrieben für eine bedrängte Gemeinde
Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen gehört zu jenen Erzählungen, die uns nur das Matthäusevangelium überliefert. Dem Evangelisten muss dieses Gleichnis sehr am Herzen gelegen haben. Er schreibt es für seine Adressatengemeinde im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts nieder.
Diese frühen Christen erfahren Ablehnung und stoßen auf Widerstünde. Ihre Verkündigung trifft nicht nur auf offene Ohren und bereitwillige Annahme. Ganz im Gegenteil: Man begegnet der Botschaft sehr reserviert. Immerhin wurde der Messias Jesus, den die Christen verkünden, von den Römern als Verbrecher verurteilt und gekreuzigt. Auch am Inhalt der jesuanischen Botschaft scheiden sich die Geister. Das Gebot, den Nächsten und sogar die Feinde zu lieben, findet nicht nur begeisterte Annahme. Das Desinteresse der Menschen nagt am Selbstbewusstsein der Christen. Jesus hatte vom nahen Reich Gottes gesprochen, doch es gedeiht nur recht schleppend. Manchmal gewinnt man den Eindruck, es geht kaum etwas voran. Da kann einem schon der Geduldsfaden reißen. - Auch in der Gemeinde selbst greifen Lauheit und Frustration um sich: Ist denn die Welt ein einziger steiniger, von Lolch und anderen Unkräutern der Schwerhörigkeit verseuchter Acker? Wo Worte nicht helfen, möchte man am liebsten andere Saiten aufziehen. Auch der enttäuschte Rückzug wird zur ernsthaften Option: wenn die Menschen nicht hören wollen, sollen sie sehen, wo sie bleiben. Dann grenzen wir uns eben ab und igeln uns ein. Anstatt uns ständig mit kritischen Anfragen auseinandersetzen und auf Teilnahmslosigkeit stoßen zu müssen, ziehen wir uns in die selbstgewählte Isolation zurück, basta. Ganz anders aber klingen die letzten Worte Jesu, des Auferstandenen bei „Matthäi am letz- ten": „Geht hin und macht Menschen aus allen Völkern zu meinen Jüngern." (Mt 28,19) Der Auferstandene sendet die Seinen mitten hinein in die Welt. Er fordert sie nicht zum Rückzug, zur Abkapselung oder Absonderung ins „fromme Ghetto, jenseits der bösen Welt" auf. Der Einsatzort für uns in Jesu Namen ist das Ackerfeld der Welt, auf dem eben nicht nur Weizen gedeiht, sondern auch alle möglichen Unkräuter sprießen. Diesen mühsamen und zu Zeiten sehr frustrierenden Weg zwischen Weizen und Lolch setzt das Gleichnis ins rechte Licht.

Eine enorm entlastende Erzählung
Schon damals wollte Matthäus seiner Gemeinde mit diesem Gleichnis wohl vor allen Dingen Mut zusprechen. Er wollte zum Durchhalten auffordern und zur Gelassenheit beitragen. Und spüren wir nicht auch die Entlastung, die uns dieses Gleichnis noch heute schenkt? Es nimmt viel Druck von den Schultern! Ganz realistisch wird hier auf die Wirklichkeit unseres Lebens und unserer Welt, aber auch auf den Zustand unserer Kirche und unserer Gemeinden geblickt. Das Gleichnis befreit vom Druck und von der Panik, „einteilen" zu wollen und „ausreißen" zu müssen. Es mahnt uns zur Geduld - mit mir, mit anderen, mit dem großen Ganzen. Langmütig und liebevoll schaut der große Gärtner auf sein Ackerfeld. Lolch macht unseren Einsatz nicht überflüssig und kaputt. Am Ende, wirklich zu-GUTer-letzt, übernimmt ein anderer die Trennung und Sortierung. Wer weiß, vielleicht entpuppt sich bis dahin noch so mancher Lolch als gutes Korn. Derweil aber wird es genug sein, mit Hingabe guten Samen auszustreuen, für optimale Wachstumsbedingungen zu sorgen, den Weizen zu düngen und verheißungsvolle Setzlinge nach Kräften zu pflegen . Wir sind Säleute unter den Augen eines Gottes, der allen Menschen Zeit zum Wachstum schenkt und am Ende sicher keinen einzigen guten Halm übersehen wird. (Gedanken von Hans-Georg Gradl, Neutestamentler Oberpfalz/Trier)

Wer Ohren hat zu hören, der höre

Hörsam unterwegs im Leben, im Glauben – Gedanken zu Mt 13,1-9.18-23

„Hört nun, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet: Wer Ohren hat, der höre.“  Um Gottes Wort für unser Leben zu hören, deswegen sind wir da im Haus Gottes, dazu verlassen wir unsere vier Wände, kommen hierher, finden uns ein bei IHM: „Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören.“ Wer Ohren hat, der höre. Dazu drei „Einfälle“: 


20200711 HREN - Vor wenigen Tagen kam der neue Materialprospekt des Evangelischen Gottesdienst-Instituts, es ist angesiedelt in der Nürnberger Südstadt; unter den neuen Angeboten eine Reihe „Himmelreich“ – drei Klappkarten zu den Stichworten „wachsen“, „finden“ und „hören“. Der Blickfang auf letzterer, ein junges Elefantenkind, das seine überdimensionalen Segelohren weit aufklappt…

- Dass es ohne Hörbereitschaft nicht geht, zumindest in der Gefolgschaft Jesu und wenn du mitarbeiten willst am Aufbau SEINES Reiches, das hat mir vor Zeiten der kleine Lukas deutlich gemacht; der wollte am Abend so lang aufbleiben, bis der Pfarrer – ich – ins Haus kommt zum Taufgespräch für seine neugeborene Schwester, denn der Lukas hatte mir extra ein Bild gemalt, das wollte er mir noch wach persönlich übergeben: Ich habs bis heut vor Augen – am auffälligsten: zwei Riesenlauscher hat er mir an den Kopf gemalt, wie Satellitenschüsseln fasst, und vorn drauf auf die Brust ein knallrotes Herz. Und ich habe die Botschaft des Kindes so verstanden: Du, Michael Kneißl, hab Ohren und Herz weit und frei – und höre, vernimm, erspüre, lass dich treffen von SEINEM Wort! 

- Und ein drittes: in meinem Fundus an Postkarten eine, die mir Alfons Hutter vorzeiten geschrieben hat; das Bildmotiv darauf hatten wir zuvor im Original gesehen bei einer Fahrt mit Kurskollegen in den Hohen Norden; in Lübeck ein Besuch in der evang. Marienkirche, dem größten Gotteshaus dort weit und breit, mit einer gewaltigen Orgel und darunter jenes Motiv, ein Relief: zu sehen ist da an den Orgeltasten ein Virtuose seiner Zeit, Dietrich Buxtehude, und halb dahinter, seitlich daneben Johann  Sebastian Bach in seinen jungen Jahren; er kam für einige Zeit extra aus Arnstadt nach Lübeck, so die Inschrift darunter, um den Meister Buxtehude, den er sehr verehrte, innig zu „be-horchen“. Ja, du hast richtig gehört: be-horchen; mir war dieser Ausdruck auch ungewohnt, neu – nicht aushorchen oder abhören oder gehorchen, und die ganze Haltung des jungen Bach – Buxtehude zugeneigt; mit dem Ohr, mit seinem Wesen lauschen auf die Klänge und sie so aufnehmend, verinnerlichend... 

Jemanden behorchen – wer Ohren hat, höre. Jesus be-horchen, seine Geschichten, Gleichnisse, Worte wahrnehmen, heranlassen an mich, IHN selber, das  Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns Menschen wohnt, bei uns sein Zelt aufschlägt. - In diesem Schlüsselwort „Hörsamkeit“ (laut meinem alttestamentlichen Lehrer Alfons Deissler die Voraussetzung für echten Gehorsam!) kann ich selber ganz gut meinen Dienst, meine Sendung sehen. Und damit hat uns  Bischof Alois Brems selig konfrontiert – vor unserer Ordination, der Weihe zum priesterlichen Dienst am Fest der Begegnung, Maria besucht Elisabeth, dem 2. Juli 1983 gab es beim ihm die Skrutinien, also die Entscheidungsfragen des Bischofs an uns Priesteramts-Kandidaten; die erste lautete: „Bist du bereit, das Wort Gottes gemäß der biblischen Weisung, den Überlieferungen der Kirche und im Bewusstsein deiner Verantwortung zu vernehmen und zu verkünden – zum Heil der Menschen und unserer Welt? -- Dieses „Be-horchen“, glaube ich heute, ist eine der starken Lebenslinien, ein „main stream“, der mich zu dieser Berufswahl, zum Eingehen auf diese Art der Berufung hingeleitet hat. 

Immer wieder zwischendurch wird die Frage an mich gestellt, von jungen, von älteren Leuten: Wie oder wann oder durch wen sind Sie, Herr Pfarrer, bist du, Michael, auf die Idee gekommen, diesen Weg einzuschlagen…? Erste Berufswünsche weiß ich noch: Maurer, Lokführer, Apotheker, die Richtung Theologie erst später, in der Zeit meiner Jugendarbeit, bei Kolping, im Dekanat, mit den Ministranten. Nach dem Abitur die Aufnahme ins Seminar, der Gang an die Uni, ich fühlte mich hingezogen, aber wollte diese Wegstrecke als Prüfung und Erprobung begehen, ob es ‚taugt‘ und mein Weg werden kann … Ehrlich gestanden, den Tag und die Stunde meines Entschlusses kann ich dir nicht sagen; es gab ihn nicht so – wie es ihn durchaus geben kann: in einer Lebensentscheidung, einer Beziehungsgeschichte, einem existenziellen Vorhaben - diesen unumkehrbaren Moment, wo dir auf einmal das Weitere klar ist, unumstößlich. Ich hab im Theologiestudium zu Zeiten darauf gewartet, auf diesen Punkt, den andere manchmal auf Tag und Stunde exakt benennen können, die ab da wussten: das will ich tun. Ich war unruhig, erwartungsvoll … Dann hab ich nach-gedacht: Mensch, wo kommst du her: Von unserer Oma mütterlicherseits her – die einzige der Großeltern, die ich erlebte – sie war eine Hebamme auf dem Land - unterwegs zu den Leuten, zu Fuß, mit dem Radl, Motorrad hunderte von Malen, hin zu werdenden Müttern und Vätern, in die Häuser des neuen Lebens. Das entsteht nicht von heut auf morgen, damit musst du monatelang schwanger gehen, in Verborgenheit ist da die schöpferische Kraft Gottes am Werk – und dann ist es soweit: Leben kommt zur Welt, unter Freuden, unter Wehen, zeigt sich - du weinst, du freust dich, bist glücklich, staunst, wunderst dich, bist dankbar - als Eltern wisst Ihr um diese ‚anderen Umstände‘ weit mehr; so ähnlich gings mir auch in meiner eigenen Geschichte des Lebens, des Glaubens: ein Prozess, ein Werden und Reifen... - Und von meinen väterlichen Ursprüngen stamme ich ab aus der Welt der Landwirtschaft und des Landhandels. Kannst du vom Getreide sagen: Akkurat an diesem Tag jetzt ist die Gerste, der Weizen reif …. Mhm, das ist vielmehr eine Entwicklung – knospen und aufsprießen, ein Sich-entfalten und Heran-reifen, begleitet durch menschliche Arbeit und gewirkt durch die Kräfte der Natur, angestiftet von Gottes großer Gnade. Und nach vielen Übergängen, Wandlungen ist es dann allmählich so weit: Frucht hat sich gebildet, vielfach, eine  Zeit der Ernte – so ist es mir ergangen, so hab ichs erfahren: Gottes Gedanken weit über das hinaus, was ich mir ausdenken konnte; Wege der Zuversicht von IHM her durch meine Ängste hindurch und über meine Schwächen weit hinaus. Ein allmähliches Werden und Wachsen, schließlich das Mich-der-Entscheidung-stellen; durch manche Höhen und Tiefen ist die Gewissheit herangereift und hat mich erfüllt: wage es, ER trauts dir zu, als Sämann seines Wortes das Leben mit den Menschen zu teilen. 

Das spreche ich bewusst nicht in der Vergangenheits-, sondern in der Gegenwartsform, denn in diesem Geschehen von IHM her, aus meinem Inneren heraus und von Glück und den Nöten der Menschen und  unserer Zeit bewegt, bin und bleibe ich ja drin, Tag für Tag und durch manche Nächte: „Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel und nicht dorthin zurückkehren, sondern die Erde tränken und sie fruchtbar machen und sie zum Sprießen bringen und Samen geben dem, der sät, und Brot dem, der isst, so ist mein Wort - Spruch Gottes, des HERRN - das aus meinem Mund hervorgeht: Nicht ohne Wirkung kehrt es zu mir zurück, sondern es vollbringt, was mir gefällt, und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe.“ Ja, das Wort will einwurzeln und aufgehen, es drängt im biblischen Sinn jedenfalls zum Handeln. So heißt es selten im Alten, Ersten Testament: Ein Wort wird gesagt, sondern: Gottes Wort geschieht, es ereignet sich, drängt, es zu befolgen… - Fragt sich nur, ob ich ihm ausreichend Zeit und Raum widme im eigenen Leben. Denn davon erzählt ja das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld: Nicht von den anderen, den Leichtfüßigen, nicht von allen möglichen und unmöglichen Vögeln, die das Wort wegpicken -- nicht von den Felsig-harten, die sich resistent zeigen gegen Gott und seine Kirche -- nicht von denen, bei denen das Dorngestrüpp der Sorgen und Verrichtungen gleich alles ersticken kann… Sondern: Ich selber bin in diesem Bild gemeint - ich selber gehe zuweilen salopp, husch, husch über die Anfrage, den Ernst SEINER Botschaft hinweg; ich erschwere es SEINER Geistkraft, mein Inneres geschmeidig zu halten für SEINEN Anruf, da blocke ich ab und blockiere; ich bin es, der das Wort erstickt, weil ich eigenen Schlauheiten und auch Ängsten und Einbildungen mehr traue als SEINER Weisheit. 

Und – gebe es Gott-: Guter Boden möchte ich, möchten wir sein, damit der Same des Wortes auch heute bei dir, bei mir den rechten Grund, aufnahmebereiten Boden findet, aufsprossen kann, vielfältig Frucht ansetzt, zum Segen für uns selber und für unsere Welt. Amen.

MK