Volkstrauertag: Natürlich mit Abstand…?

Allen ein herzliches Willkommen, die sich zu dieser Gedenkstunde heute am Volkstrauertag hier einfinden - in etlichen Gemeinden fallen diese Zusammenkünfte heuer aus - bei uns hier am Waldfriedhof in Wendelstein findet sie statt, unter den momentanen Corona-bedingten Maßgaben, mit den bekannten AHA-Regeln.

 „Mit Abstand“. Dieser Hinweis, diese Aufforderung begegnet uns in diesen Monaten auf Schritt und Tritt - im Supermarkt, beim Bäcker, in unseren Kirchen, bei Veranstaltungen wie hier in dieser Stunde. Sicherheitsdistanz, damit wir uns nicht zu nahe kommen und so einer unkontrollierbaren Ausbreitung der Infektion entgegenwirken. Manchmal ist es freundlich formuliert, da heißt es dann: „Natürlich mit Abstand“. Aber wirklich natürlich ist es ja nicht, wenn wir einander - ob in großer überschwänglicher Freude oder in tiefer Trauer - es nicht mit Herz und Händen zeigen können, dass wir Anteil nehmen, dass uns das Geschick des anderen berührt und bewegt. Am Eingang der Schule in Großschwarzenlohe das Schild: „Ihr seid mit Abstand die Besten“ - eine Ermutigung für die Schülerinnen und Schüler, verbunden mit dieser Erinnerung an die nötige Distanz. 
Ihr hier und Sie die Besten, die sich hier einfinden zu dieser Feier: die Wendelsteiner Musikanten, die Trompeter der Feuerwehrkapelle, die Abordnungen der Vereine, BGM Willi Milde und Mitglieder des Gemeinderates - und Sie, die Unentwegten, die sich auch von den Einschränkungen nicht aufhalten lassen, das Gedenken an die Toten der Weltkriege, an die Opfer von Vertreibung und Flucht, von Gewalt und Schrecken bis in unsere Tage herauf hoch-zu-halten. Auch unter Abstandsregeln.   

 Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser mittäglichen Einkehr: Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir auch schon all die letzten Jahre vor Corona diesen Gedenktag weitgehend „mit Abstand“ begangen. Der Kreis war immer überschaubar: ein harter Kern, ein kleines Aufgebot der Treuen, denen das ehrende Geleit der Verstorbenen ein Anliegen war und bleibt. Ein übergroßer Teil der Öffentlichkeit nimmt's allenfalls zur Kenntnis –Fahnen auf Halbmast heute, warum…– oder geht stillschweigend mit äußerem und innerem Abstand an diesem landesweiten Gedenken vorüber. - Vor ein paar Jahren gab's die Überlegung, größere Schüler zu dieser Stunde der Erinnerung einzuladen, dazu zu bitten, gleichsam als sozialkundliche Einübung - ich hab mir gedacht, wenn wir ‚reifere Semester‘, die doch um die unsäglichen Geschehnisse von früher und heute eher Bescheid wissen als die Jungen, mit uns sich nicht einmal auf den Weg machen in größerer Zahl und mit uns diese Zeit nehmen, brauchen wir die Nachwachsenden auch nicht „her-bugsieren“… 

20201115 RegenbogenKreuz Viele „auf Abstand“ - ein Grund wohl auch: Mit dem Abstand der Jahre und Jahrzehnte rücken die unseligen Leiden und die Taten gegen das Glück der Menschen und die Vergehen gegen den Frieden auf Erden in die Ferne… Mir sind sie vorletzte Woche wieder nahe gerückt – ich hatte nach Allerheiligen Zeit, das Taschenbuch von Navid Kermani zu lesen, einem deutsch-iranischen Schriftsteller: „Entlang der Gräben“. Es ist ein Reisetagebuch - mit Berichten über seine Besuche und Begegnungen im östlichen Europa - an der Oder-Neiße-Linie, in Auschwitz, in Litauen, in Weißrussland, in der Ukraine, auf der Krim, in Tschetschenien, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Berg Karabach. In nahezu allen Gesprächen mit betagten Leuten entlang dieser Reiseroute, mit Historikern, mit politisch engagierten Leuten werden Erinnerungen ans Licht geholt - aus uralten Zeiten, aus dem 2. Weltkrieg und danach mit unfassbaren Zahlen von Opfern an Soldaten, meist mehr noch an Zivilisten, an Unschuldigen. Frauen und Kinder malträtiert, ihrer Würde und ihrer Zukunft beraubt, ganze Landstriche verwüstet - die Lektüre ging mir nach bis in die Träume. Und vor allem die Erkenntnis, wenn du die Namen dieser Völker liest und hörst, dann klingen dir im Ohr ja aktuelle Nachrichten, dass es da und dort im Hier und Heute wieder zur Lügenpropaganda kommt, zu bewaffneten Konflikten, zum Gemetzel, zur Menschenverachtung, zur Großmannssucht, zu nationalistisch übersteigertem Patriotismus - der den andern runtermacht und nicht ebenbürtig als Mensch gelten lässt, ohne jeden Respekt, ohne Toleranz für uns in all unserer Vielfalt… Aber vielleicht ist das ja auch eine Haltung - Achtung voreinander, Toleranz, Solidarität -, die uns nicht „angeboren“ ist sozusagen, sondern die wir lernen müssen und einüben und erneuern, immer wieder. 

 „Natürlich mit Abstand“: Ich betrachte diesen Slogan  nochmals und merke: Mich dem Menschen neben mir, vor allem dem Anderen, dem bisher Unbekannten, dem mir noch Fremden zu eröffnen ist keine Selbstverständlichkeit, denn da stecken uralte Ängste in uns. In vielen frühen Menschheitskulturen ist der Fremde zuerst einmal der Feind, der von außen her im überschaubaren Bereich meines Lebensraumes auftaucht und diesen schon dadurch in Frage stellt, dass er anders ist als ich, als wir: Andere Überzeugungen, eine andere Art sich zu geben. So suchte man und sucht man den Fremden weg zu drängen, nicht in den eigenen Umkreis herein zu lassen. Im Lateinischen das Wort „hostis“ bedeutet zugleich Fremder und Feind. Erst allmählich entdeckt man, dass der andere mich nicht nur bedroht, in Frage stellt, sondern mich auch bereichert, meinen Horizont weitet, mich zu Neuem anspornt. Ein weiterer lateinischer Ausdruck für den Ausländer, den Fremden „hospes“ bekommt dann als zweite Bedeutung: „der Gast, der Gast-Freund“…

 Was uns da herum wendet, herum dreht, uns wandelt aus dem Neben- und Gegeneinander zum Mit- und Füreinander, hier vor Ort und weltweit, ich denke, das sind keine staatlichen Vorschriften, keine Gesetzesvorlagen, keine moralischen Appelle: Sei halt nicht so garstig, kleinlich, abweisend. Als biblische Weisung ist uns ins „geistliche Stammbuch“ geschrieben: „Liebe deinen Nächsten - wie dich selbst“, oder in einer anderen Übersetzung: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!“ -- Wie bin ich denn – gebaut, was ersehne ich mir denn: im Kern nur das eine – angenommen zu werden ohne Wenn und Warum, ohne Vorleistungen respektiert zu werden – das vereint alle Menschen dieser Welt; die Grundlage für uns im Glauben ist die Überzeugung, dass wir Menschen ausnahmslos Gottes Bild in uns tragen. Gott stellt uns alle miteinander vor sich hin. ER versammelt uns gleichsam alle um sich herum, damit wir uns mit SEINEN Augen sehen: als Kinder des einen Vaters im Himmel, als Schwestern und Brüder miteinander auf dem Weg durch diese Welt. Innerlich (und wenn's geht auch äußerlich) natürlich am besten ohne Abstand.

Gedanken zum Volkstrauertag von Pfarrer Michael Kneißl

Das unermesslich große Talent LEBEN

Wenn ich Texte aus dem Wortschatz der Hl. Schrift vernehme, wenn aus dem Glaubenszeugnis der Bibel vorgelesen wird, dann geht’s mir oft ähnlich wie beim Liedgut: Manche Stücke erkenne ich schon nach den ersten Takten die gespielt werden, die Melodie ist mir vertraut, bei manchem Lieblingslied weiß ich sogar, wann ich es zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe, in welcher Situation mich Klänge und Poesie dazu berührt haben - und ich summe gleich mit oder stimme mit ein - oder pfeife dazu. 
Bei anderen Musikstücken denke ich mir – früher schon und bis heute: So ein Gedudel, so ein Schmalzfetzen… Oder ganz schräge Kompositionen, die ich nicht unbedingt haben muss. So erging es mir lange mit der Evangelienstelle dieses 33. vorletzten Sonntags im Jahreskreis / Lesejahr A bei Mattäus Kap. 25, Verse 14 -30: Das Gleichnis von dem Mann, der auf Reisen geht und sein Vermögen den drei Dienern anvertraut. Da zieht es mich zunächst „innerlich zusammen“; von jeher haben mich Sätze daraus gleich „angesprungen“: „Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist und erntest, wo du nicht gesät hast.“ Oder: „Wer nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ Oder: „Werft den unnützen Sklaven hinaus in die Finsternis, draußen“. Und dazu sagen wir dann beim Hoch-heben des Buches der Bücher: „Evangelium – Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus: Lob sei dir, Christus.“ Echt, stimmt das, sehen Sie das so - eine heilsame Botschaft…? Oder keine andere Losung als die, nach der es in der Welt eh meist zu-geht: ‚Hast du was, dann bist du was. Wer zahlt, schafft an. Geld regiert die Welt‘ und taxiert uns Menschen ein; läufts auf die sattsam bekannten Spielregeln des liberalen Marktes hinaus: „Wer hat, dem wird noch gegeben und wer nicht mitspielen kann, der verliert; die Schere von Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Wehe, du bist auf der falschen Seite, dann wird’s brenzlig… 

 Ich taste mich also in die Geschichte hinein - welcher Gedanke er-hebt mein Herz, meine Seele, mein Denken - und was macht uns eher nieder? „Dem einen gab er 5 Talente, dem anderen zwei, einem dritten schließlich eines.“ Endgültig vergrämt wurde mir diese Erzählung in meiner Eibacher Kaplanszeit - da hatte ich für die Schulanfangs- und -schlussgottesdienste jedes Mal die Gitarre zu ergreifen und die ganze Meute aus der Peter-Henlein-Realschule und dem Sigmund-Schuckert-Gymnasium gesanglich und musikalisch durchzumanövrieren ( - kein Vergleich mit den stark vorbereiteten und abwechslungsreichen Schulandachten hier beim uns! -  ). Und der zelebrierende Geistliche  hat immer dieses Gleichnis am Ambo aufgetischt und stets eindringlich die Schülerschaft beschworen, doch die Talente einzusetzen, sie nicht zu vergraben, die Begabungen und Fähigkeiten, die uns unterschiedlich verliehen sind, zu intensivieren - zur Freude des Lehrkörpers, zum Stolz der Eltern und fürs eigene Vorankommen natürlich -, sonst gäbe es schulisch-beruflich womöglich ein schlechtes Ende, zum Schluss dann „Heulen und Zähneknirschen“, Verdruss. Verdrießlich und a wenig traumatisiert war ich nach dieser katechetisch-moralischen „Talentschmiede“ im Hause Gottes. 

 Öfters muss ich an einen Satz eines „Schriftgelehrten“ denken, der mich biblisch geformt und gefördert hat: „Die Hl. Schrift nicht einfach wortwörtlich nehmen, sondern ernst nehmen - in dem, was sie wirklich meint und uns als lebenshilfreiche Impulse an die Hand geben will“. Eine erste Klärung: Anselm Grün aus Münsterschwarzach, der als vielgelesener Autor die benediktinische Spiritualität „vermehrt“, bringt es im Blick auf unsere Bibelstelle auf den Punkt: „Dieses Gleichnis will weder den Wucher gutheißen noch die Profitgier rechtfertigen. (Einschub: kann es nicht, es gibt ja heutzutage keine Zinsen mehr, wenn du Geld auf die Bank bringst…) Es will uns vielmehr zeigen, wie das Leben gelingt und wie wir uns selbst am Leben hindern können.“ 
So ‚studiere‘ ich nach bei alten und neuen Übersetzern und Auslegerinnen des Wortes Gottes. - Der Kirchenlehrer Origenes, 180 –254 hat er in der Metropole Alexandria in Ägypten gelebt, deutet die Talente auf das Wort Gottes, das jeder und jedem gegeben ist. Wir können mit der Weisung Gottes umgehen nur dem Buchstaben getreu, was dasteht - er verknüpft diese Art und Weise mit dem 3. Knecht: da kommt nicht viel heraus -  oder wir suchen zu erkennen: was steckt dahinter, was lese ich in der „Tiefe“ - dieser geistliche Umgang mit der Botschaft bringt in uns reiche Frucht. - Der Bibelgelehrte Hieronymus, um 420 in Betlehem gestorben, deutet die 5 Talente auf unsere 5 Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen… die 2 Talente auf das Verstehen mit Geist und Herz / und unsere Werke, unser Tun - und das eine Talent auf die bloße Vernunft. Wenn wir mit allen Sinnen zu leben suchen, erschließt sich uns der Sinn des Lebens. Wenn ich allein mit dem Kopf alles begreifen und kontrollieren will, geht mir höchstens die Hälfte der Wahrheit auf, gehe ich in vielen Perspektiven, die für unser Leben auch wichtig sind, ‚leer aus‘. - In einer Bibelrunde sagte eine Teilnehmerin: sie finde es tröstlich, dass die Talente unterschiedlich verteilt sind. Denn wenn alle gleich viel bekommen würden, könnte man ja bei jedem ablesen, was er draus gemacht hat. So wissen wir nicht, wie die Gaben zugemessen sind und wieviel der oder die dazu gewonnen hat. -- Na gut, denke ich mir - trotzdem: wenn das der Weisheit letzter Schluss ist, dann hats der Schöpfer der Welt nicht gerecht eingerichtet: die einen können so viel, ein anderer fast gar nichts - oder er meint es zumindest, weil ihm die anderen noch nichts zugetraut haben oder ihm noch nicht zu Ohren kam, dass Mitmenschen durch ihn auf-erbaut werden, ohne dass er oder sie selber es bemerkt hätte…

 Es war auch in meinen Eibacher Jahren, da hat mich eine jugendliche Ministrantin auf eine dienliche Fährte geführt; nachmittags am 33. Sonntag hat sie geklingelt bei mir, nachdem sie in der früh im Gottesdienst dieses Evangelium gehört hatte. Dauernd habe sie jetzt überlegen müssen, was wohl in diesen Zeilen die Anregung Jesu für uns. Und ich hab sie eingeladen, ihre Erkenntnis mit mir zu teilen:  Wenn der Herr all seinen Untergebenen etwas zuteilt - was ist es, so ihr Ansatz, was uns Geschöpfen von IHM gegeben ist: das Leben. Das ist das alle Verbindende - bei aller Unterschiedlichkeit unserer Wege, unserer Herkunft, unserer Persönlichkeit, unsres Geschicks in Freud und Leid, in Gelingen und Versagen: 20201115 LoonieWir haben von IHM das Leben empfangen - und das gilt es zu leben, zu wagen, zu riskieren, nicht zu versäumen, nicht dass du am Schluss denken musst: Ist doch zu schade, auf Oberpfälzisch: z‘Toud schood (totschade), dass ich vor lauter Angst und Furcht vor dem Nicht-genügen mich rausziehe und verweigere. 
Das ist mir damals auf-gegangen, ein-geleuchtet - durch eine 16jährige Hörerin und Bedenkerin und Täterin SEINES Wortes. Seitdem lese ich auch diese Verse als eu-angelion, als Gute Nachricht und nicht als Drohbotschaft. 5 / 2 / 1: Dabei gehts nicht um ein Mehr oder ein Weniger, so verstehe und ergreife ich jetzt diese Erzählung, nicht um ein Besser oder Minderwertiger, nicht um ein Perfekter oder Unvollkommener, sondern, so bringt es  der jüdische Neujahrs– und Geburtstagswunsch ins Wort: Chajim—du, lebe! ER der Lebendige und Lebensspendende vertraut uns sein ‚Vermögen‘ an, er vermag es, uns ins Leben zu rufen, jeden Morgen neu und einmal für immer. Also deshalb: sei kein zögerlicher Knecht, der ständig auf andere bessere Zeiten wartet, sondern gestalte mit, halte durch, lass es an Deinem Beitrag im großen Mosaik der Menschheit nicht fehlen - sei keine säumige Dienerin, die alles auf morgen und übermorgen verschiebt, die von besseren Zeiten und Verhältnissen nur träumt, sondern an ihnen mitwirkt – sei ein, werde ein Mensch, der sich nicht vom Schuldigwerden erdrücken und in die Angst treiben lässt, sondern: Du, lebe. 
„Ich wusste, dass du ein strenger, ein harter Mann bist...“ - Woher weiß er das? Wie kommt er darauf, haben es ihm andere vorgesagt, eingetrichtert: „Wenn du brav bist, dann kannst du dich bei deinem Herrgott schauen lassen, wenn du nicht folgst und spurst, wehe…“ - Wir dürfen es im Glauben hinter Jesus Christus her anders wissen: „Barmherzig, geduldig und gnädig ist er, vielmehr als ein Vater es kann; er warf unsere Sünden ins äußerste Meer, kommt betet den Ewigen an“ - so eine Strophe aus der Frühzeit der rhythmischen Lieder. 
Darum, Schwestern und Brüder auf dem Weg, lasst uns einander Mut machen und einander Bereitschaft zum Einsatz, Hingabe erbitten - als Ausdruck unseres Glaubens und unserer Hoffnung auf den Gott, der ein Gott von Lebendigen ist, nicht von Toten. Ein Gott, der zur Vergebung bereit ist, d. h. der damit rechnet, dass nicht alles gut ist, was wir zuwege bringen, und der dennoch wünscht, dass wir ins Leben ein-steigen, das er uns, jeder und jedem „nach der eigenen Kraft“ überlassen hat, weil er uns vertraut. Amen. 

„O Jesus, du Schlüssel Davids, du öffnest und niemand kann mehr schließen“


Predigtgedanken zur biblischen Botschaft am 21. Sonntag im Lesejahr A

„‘Ich lege den Schlüssel des Hauses Davids auf die Schultern Eljakims‘, Spruch Gottes des Herrn“. (Jesaja 22,19ff) – „‘Ich will dir, Petrus, die Schlüssel des Himmelreiches geben‘, sagt Jesus“. (Mattäus 16, 13-20)  > Schlüssel-Worte begegnen uns in den beiden biblischen Texten, die uns am 21. Sonntag im Jahreskreis vorgelegt werden. Ab und an geht’s mir so: Ich verlege einen Schlüssel und ‚alle heilige Zeit‘ habe ich solch ein gutes Stück auch schon einmal verloren. Da spürst du sehr schnell, wie wichtig so ein kleines Stück Metall sein kann. Es entscheidet, ob eine Tür aufgeht oder nicht. Wenn ich den Schlüssel nicht finde und niemand anderer da ist im Moment oder in nächster Zeit kommen könnte, muss ich draußen bleiben, zumindest so lange, bis jemand kommt und mir aufsperrt. Wenn ich jemandem einen Reserveschlüssel zu meiner Wohnung anvertraue, dann kann mir das in einer solch brenzligen Situation helfen.
20200823 SchlsselAber wem gegenüber tut man so etwas: einen wichtigen Schlüssel jemandem aushändigen... Mit dem Schlüssel gebe ich diesem Menschen die Möglichkeit, meine Tür auf und zu zu machen, ganz wie er, wie sie es für richtig hält, auch wenn ich nicht da bin: in Notfällen ein großer Vorteil. Andererseits ist damit auch Einflussnahme verbunden: jemand bekommt Zutritt, kann in meinem  privaten Bereich hineinschauen, kann sehen, wie ich wohne - und er könnte, wenn er wollte, auch mit den Dingen bei mir machen was er will, ohne dass ich in meiner Abwesenheit etwas dagegen unternehmen kann. Also: einen Schlüssel gebe ich jemandem, zu dem ich Vertrauen habe, dass er ihn in meinem Sinn verwendet, auf ihn acht-gibt, ihn nicht irgendwo leichtsinnig liegen lässt, auch nicht an einen X-beliebigen weiter gibt, auch nicht eine Person hinein lässt ohne meine Zustimmung. Wir möchten, dass er die Macht, die ihm der Schlüssel gibt, nicht missbraucht, nicht in unseren Sachen herumstöbert, nichts entwendet. - Ein Schlüssel schafft Möglichkeiten und Gefahren, er kann eine Hilfe sein, wenns drauf ankommt. 
Und das gilt nicht nur für Schlüssel aus Metall, genauso für Passwörter zu elektronischen Geräten, zu Programmen, ins Internet. Wer das Passwort, das Schlüsselwort hat oder kennt, kann einschalten, kann sich in internen Bereichen umsehen und informieren - wer es nicht hat, kommt nicht weiter. 
Auch in anderem Zusammenhang wird von Schlüsseln gesprochen: in großen noblen Hotels tragen die Leiter des Empfangs, bei denen sich Ankommende und Abreisende melden, Abzeichen am Revers der Jacke, die zwei gekreuzte Schlüssel zeigen - jede und jeder kann gleich sehen: das sind die Personen, die den Gästen Türen öffnen können, die sonst nicht aufgehen, und die dafür sorgen, dass der persönliche Bereich auch privat, intim bleibt. 

Bei den Räumen und Dingen, die durch Schlüssel-Wörter geöffnet oder abgeschlossen werden können, sei‘s in der Realität oder in der virtuellen Welt, weiß jeder, dass das, was geschützt wird, uns von Bedeutung ist - etwas wenig Wichtiges oder Wertvolles legt doch niemand in einen Safe und sperrt sorgfältig ab und verwahrt den Schlüssel, das Passwort. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen und Lebensumstände jetzt der Blick auf die Lesung und das Evangelium:
Wenn der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes über den neuen Palastvorsteher Eljakim im Königshaus sagt –sein Vorgänger Schebna wurde abgesetzt-: „Gott legt auf seine Schultern den Schlüssel des Hauses David“, dann wird auch gleich erklärt, was das heißt: ‚Er soll wie ein Vater sein, sorgend und aufmerksam für die Familie des Herrschers, ja für alle Einwohner in dessen Bereich‘. Und das geschieht dadurch, dass er mit seiner Macht manche Geschehnisse für das allgemeine Wohl möglich macht, auf den Weg bringt - und dass er andere verhängnisvolle, bedrohliche verhindert. Also eine große Verantwortung, die da jemandem anvertraut wird. Und Jesus verwendet das gleiche Bild, wenn er dem Simon Bar Jona (= Sohn des Jona), zu-spricht: Er, Petrus, soll öffnen und schließen können; Jesus spricht von den Schlüsseln des Himmelreiches. 

Vergangenen Sonntag habe ich die Eucharistie bei uns daheim in Kastl mitgefeiert, in der altehrwürdigen Klosterkirche St. Peter, meinem Lieblingsgotteshaus bis heute. Ich habe vorher einen Blick geworfen in die Sakristei, mein Bruder Andreas tut dort Mesnerdienste, und ich selber war ja in frühen Jahren lange Zeit da Ministrant. Wie eh und je hängt dort ein Gemälde mit dieser Szene: Petrus auf einer felsigen Anhöhe, im Hintergrund eine kleine Kirche, und Jesus, der seinem Apostel die Schlüsselgewalt anvertraut. Petrus steht auf dem Bild, so empfinde ich, ein bisschen da vor Jesus wie ein einsamer Kirchen-Funktionär - und auch, wenn er den ‚Primat‘, die ‚erste Stelle‘ empfängt in dieser Aufgabe zu binden und zu lösen, so gilt dieses Zutrauen Jesu doch nicht nur ihm allein. Heute in 14 Tagen wird uns diese „Schlüsselstelle“ noch einmal begegnen und da werden wir dann alle angesprochen, diesen Dienst auszuüben: „Jesus sprach zu denen, die ihm folgen: Amen, ich sage euch, alles was ihr auf Erden löst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ - Jesus legt uns seine Sendung ans Herz und in die Hände! Was für ein unbedingtes Zutrauen in uns und welch tiefe Vertrautheit mit uns schwachen Menschen muss dahinter stecken, uns für eine solche Aufgabe anzusprechen und gewinnen zu wollen! - Darum auch mein doch langer „Anlauf“ am Anfang der Predigt, dass uns das wirklich „aufgeht“ und „eingeht in Fleisch und Blut.“

In welche Richtung geht’s bei diesem Auftrag, was ist zu tun? - Ich erinnere daran, wo sich dieses Gespräch Jesu mit seinen Jüngern, diese Beauftragung des Petrus, abspielt, nämlich in Cäsarea. Cäsarea war der wichtigste Stützpunkt in Palästina für den größten Militärapparat des Altertums. Die römische Armee hatte dort ihr Heerlager, der Verwalter der Provinz seinen Sitz, hier war zur Zeitenwende die Groß-Macht zu Hause. Sie gab vor, was im Land möglich war und was nicht, sie hat ein paar Jahrzehnte später auch Jerusalem zerstört, den Tempel geplündert, Land und Leute ruiniert; sie hatte Macht über Leben und Tod. Von hier aus zog der Statthalter Pontius Pilatus zu besonderen Tagen hinauf nach Jerusalem, auch zum Prozess gegen Jesus. Und genau hier, wo die Kommando-Zentrale der Macht angesiedelt war, sagt Petrus zu Jesus, dass er ihn für den Messias hält: Der Messias (hebr. Maschiach), der Gesalbte, auf griechisch christós, wir verwenden das latinisierte ‚Christus‘, das war der Menschensohn, den Gott beauftragt hat, die Welt nach Seinem Plan wieder einzurenken und die ‚himmlischen Zustände‘, die wir Menschen vor Gott erhofften, herbei zu führen: eine Erde in Frieden und in Gerechtigkeit für alle. Manche meinten das ganz konkret: „Sieg über die Römer, diese heidnischen Besatzer raus und davon! Gott wird endlich der, der im Land das Sagen hat - und er wird dann natürlich vertreten durch uns, durch die, die sich für ihn vehement einsetzen.“ Und so wollen viele, auch in Jesu Gefolgschaft, gleichsam der Herrschaft Gottes nachhelfen, ihr die Pforten aufstoßen, wenns sein muss auch mit Gewalt. 

Jesus bestätigt, dass er der Gesalbte ist, verbietet aber, davon zu erzählen. Eigenartig, oder? Die „Leute von Welt“ damals und heute setzen doch meist alles daran –an Mitteln, Methoden und Medien-, in die Schlagzeilen zu kommen, im öffentlichen Gespräch zu bleiben. Warum wohl hier Jesu „Redeverbot“ an die Jünger… - Zu stark könnte die Versuchung sein, Jesus in der Spur der Großmächtigen, der ‚Großkopferten‘ dieser Welt zu sehen und entsprechend zu agieren, aufzutrumpfen, ‚von oben herab‘. Zu groß die Gefahr, dem Kommen des Reiches Gottes den Durchbruch zu verschaffen um jeden Preis, wenn‘s sein muss mit den harten Bandagen der Faust oder mit Messer und Schwert oder mit dem Aus-Säen von Misstrauen  und Halbwahrheiten. Jesus sucht mit aller Entschiedenheit den Willen Gottes und will ihn erfüllen - doch das geht nicht mittels eines heiligen Kampfes - „meint ihr nicht, der Vater im Himmel könnte mir Legionen von Engeln senden, wenn ich ihn bäte“, wird er am Ölberg den Seinen sagen -, sondern Jesus wagt es gewaltfrei und leidensbereit, nicht durch Angabe und Angeberei, sondern auf der Route der Hingabe, nicht durch göttliche ‚Besitzstandswahrung‘, sondern indem er sich entäußert, sich klein macht und gering, von der Krippe bis ans Kreuz - und so der zarten und weltverändernden Kraft der Liebe den Weg bahnt - bis in die Dunkelheit des Todes hinein und durch sie hindurch. 
Ich hab nach einem Lied im „Gotteslob“gesucht, in dem das zum Ausdruck kommt und hab dafür kein besseres gefunden als „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“; es findet sich in der Sparte „Weihnachtliche Gesänge“ (GL 247) - also wundern Sie sich nicht, wenn das zur ‚Danksagung‘ eingespielt wird. - Darin lesen und lernen wir, wer der allererste, der Aller-Erste ist im „Schlüsseldienst Gottes“ zum Heil der Welt und des Universums - nicht ein Papst von Petrus bis Franziskus, überhaupt keiner von uns, vielmehr Christus Jesus selbst: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“ - und in einer adventlichen Antiphon auf den Messias heißt es so: „O Jesus, du Schlüssel Davids, du öffnest und niemand kann mehr schließen.“ - Folgen wir ihm, hinein ins Geheimnis Gottes, das uns durch IHN offen steht - für immer. Amen.

(mk – mit Gedanken von Christine Fleck-B.)

Geduld mit anderen und mit mir selbst

 

Geduld mit mir und anderen (Mt 13, 24-43) - 16. So im Jahreskreis

Dem Weizen täuschend ähnlich

Kennen Sie Lolch? Lolch ist eine Pflanze, die gerade zur Zeit Jesu noch oft auf den Getreideäckern wuchs. Lolch ist ein Unkraut und sogar giftig. Lolch kann die Ernte eines ganzen Jahres rasch verderben. Wenn er ins Erntegut gelangt und mit den Weizenkörnern gemahlen wird, verunreinigt er das Mehl. Beim Verzehr stellt sich dann schnell die giftige Wirkung ein. Übelkeit, Sehstörungen, Schwindel und Taumel sind die Folgen. Daher rührt auch der landläufige Name der Pflanze: Tollkraut oder Taumel-Lolch.
Besonders ärgerlich ist zudem, dass Lolch ein wahrer Verwandlungskünstler ist. Lolch ist nur sehr schwer zu erkennen. Sein übler Trick: Er sieht dem Weizen täuschend ähnlich. Diese Ähnlichkeit ist sein Schutz. So überlebt der Lolch - unerkannt im Windschatten des Weizens. Verstärkend kommt noch hinzu, dass Lolch im Erdboden die Weizenwurzeln umschlingt. Will man Lolch jäten, rückt man auch dem Weizen gefährlich nahe an die Wurzeln. Zusammen mit dem Unkraut würde man auch die guten Halme ausreißen. So steht der Landwirt vor der herausfordernden Situation und einer schier unlösbaren Aufgabe: Da gedeiht giftiger Lolch im Weizenfeld, aber es schient keine Handhabe zu geben, das Unkraut zu beseitigen und den Lolch vom Weizen zu trennen...

Auf den Feldern meines Lebens

Kennen Sie Lolch? Heuzutage hat man in der Landwirtschaft durch den Einsatz von Herbiziden und durch eine hochtechnisierte Getreidereinigung den Lolch ziemlich eingedämmt. Auf den Äckern stellt er kein ernstzunehmendes Problem mehr dar. Aber auf den Feldern unseres Lebens gedeiht ‚Lolch‘ nach wie vor. Wir alle kennen Lolch! Im Persönlichen und Privaten, aber auch in unserer Welt und Gesellschaft ist ‚Lolch‘ in ganz verschiedenen Varianten im Umlauf. Im Sinne des Gleichnisses steht Lolch nämlich für all das, was uns die Freude trübt, was sich in das Schöne mischt, was Schaden anrichtet und sich nicht so einfach ausmerzen lässt. Lolch steht für das Haar in der Suppe, für die Schlagseite des Ganzen, den bitteren Beigeschmack und die vielen verhängnisvollen Verbindungen von Gut und Böse, von Schönem und Hässlichem, Starkem und Schwachem in unser aller Leben.

Diesen ‚Lolch‘ kennen wir alle! Vieles gibt es nur im „Zwei-in-eins-Pack". Kaum etwas existiert in Reinform. In allem steckt ein Quäntchen Lolch. Man denke doch nur an die eine Charaktereigenschaft eines Freundes oder einer Freundin, des Ehepartners oder der Kinder. Da wäre fast alles perfekt, gäbe es da nur nicht diesen einen Spleen, diese eine komische Marotte: den Jähzorn oder die Lethargie, die Unpünktlichkeit oder die ständige Besserwisserei. Auch noch in das Beste vom Besten mischt sich Lolch: in die Hilfsbereitschaft kann sich ein selbstgefälliger Unterton einschleichen, in meine Leistungsfähigkeit der Stolz, in meine Fürsorge und meinen Einsatz der -unterschwellige- Wunsch, doch nun auch dafür entsprechend bedacht und gewürdigt zu werden.
Lolch steht für alles, was es nicht in Reinform gibt, was nicht picobello ist; für alles, was durchwachsen ist und durchsetzt ́und kompliziert, schon irgendwie gut, aber eben auch nicht das „volle Korn". Eine leichte Lösung gibt es nicht. Lolch lässt sich nicht einfach aus dem Ackerfeld herausschneiden. Die Dinge lassen sich nicht mir-nichts-dir-nichts umkrempeln oder schnell wider ins Lot bringen. Wie oft geht es uns wie den Dienern im Gleichnis? Wir möchten das Böse mit Stumpf und Stiel ausrotten und müssen doch zusehen, wie der Lolch neben dem Weizen und der Weizen neben dem Lolch munter nebeneinander wachsen.

Nicht vorschnell einteilen und (ver)urteilen
20200718 GetreidefeldDas Gleichnis fängt viele schmerzliche Erfahrungen unseres Lebens ein. Es erzählt von der Gebrochenheit unserer Beziehungen, von der Schwäche und Armseligkeit unseres Glaubens, von oft kümmerlichen Erfolgen, von Rückschlägen und Wermutstropfen. Lolch und Weizen stehen in unserer Welt und in unsrem Leben oft nah beieinander.
Doch wenn wir sagen „Reiß es aus!", sagt Jesus „Lass es stehen!", wenn wir meinen, ausrotten zu müssen, sagt er: „Komm, lass es wachsen!" Dahinter verbirgt sich die ganz nüchterne Einsicht, dass der Lolch dem Weizen eben täuschend ähnlich sieht. Nicht immer lässt sich das eine vom anderen wirklich unterscheiden. Ein vorschnelles Urteil ist riskant und gefährlich.
Besonnenheit ist gefragt: Gerade während der Wachstumsphase fällt die Unterscheidung besonders schwer. Erst am Ende mag sich zeigen, ob der Halm Frucht trägt, ob sich Weizenkörner bilden oder nicht.
Mit Härte ist sowieso nichts zu erreichen. Dafür wachsen Lolch und Weizen viel zu nah beieinander. Geduld ist gefragt. Es hilft, sich hinzusetzen, Ruhe zu bewahren, zu überlegen und das Vertrauen einzuatmen, dass die Trennung und Sortierung einst ein anderer übernehmen wird. Entlastend ist dabei auch die Erkenntnis, dass das „Ackerfeld Welt", das „Erdreich Leben" gar nicht uns selbst gehört, sondern allenfalls an uns „verpachtet" ist. Es ist Eigentum des großen „Gärtners" Gott. Wenn er geduldig und in Langmut auf den Wildwuchs schaut, sollten wir in Panik verfallen und das Feld brachial mit der Harke bearbeiten?

Geschrieben für eine bedrängte Gemeinde
Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen gehört zu jenen Erzählungen, die uns nur das Matthäusevangelium überliefert. Dem Evangelisten muss dieses Gleichnis sehr am Herzen gelegen haben. Er schreibt es für seine Adressatengemeinde im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts nieder.
Diese frühen Christen erfahren Ablehnung und stoßen auf Widerstünde. Ihre Verkündigung trifft nicht nur auf offene Ohren und bereitwillige Annahme. Ganz im Gegenteil: Man begegnet der Botschaft sehr reserviert. Immerhin wurde der Messias Jesus, den die Christen verkünden, von den Römern als Verbrecher verurteilt und gekreuzigt. Auch am Inhalt der jesuanischen Botschaft scheiden sich die Geister. Das Gebot, den Nächsten und sogar die Feinde zu lieben, findet nicht nur begeisterte Annahme. Das Desinteresse der Menschen nagt am Selbstbewusstsein der Christen. Jesus hatte vom nahen Reich Gottes gesprochen, doch es gedeiht nur recht schleppend. Manchmal gewinnt man den Eindruck, es geht kaum etwas voran. Da kann einem schon der Geduldsfaden reißen. - Auch in der Gemeinde selbst greifen Lauheit und Frustration um sich: Ist denn die Welt ein einziger steiniger, von Lolch und anderen Unkräutern der Schwerhörigkeit verseuchter Acker? Wo Worte nicht helfen, möchte man am liebsten andere Saiten aufziehen. Auch der enttäuschte Rückzug wird zur ernsthaften Option: wenn die Menschen nicht hören wollen, sollen sie sehen, wo sie bleiben. Dann grenzen wir uns eben ab und igeln uns ein. Anstatt uns ständig mit kritischen Anfragen auseinandersetzen und auf Teilnahmslosigkeit stoßen zu müssen, ziehen wir uns in die selbstgewählte Isolation zurück, basta. Ganz anders aber klingen die letzten Worte Jesu, des Auferstandenen bei „Matthäi am letz- ten": „Geht hin und macht Menschen aus allen Völkern zu meinen Jüngern." (Mt 28,19) Der Auferstandene sendet die Seinen mitten hinein in die Welt. Er fordert sie nicht zum Rückzug, zur Abkapselung oder Absonderung ins „fromme Ghetto, jenseits der bösen Welt" auf. Der Einsatzort für uns in Jesu Namen ist das Ackerfeld der Welt, auf dem eben nicht nur Weizen gedeiht, sondern auch alle möglichen Unkräuter sprießen. Diesen mühsamen und zu Zeiten sehr frustrierenden Weg zwischen Weizen und Lolch setzt das Gleichnis ins rechte Licht.

Eine enorm entlastende Erzählung
Schon damals wollte Matthäus seiner Gemeinde mit diesem Gleichnis wohl vor allen Dingen Mut zusprechen. Er wollte zum Durchhalten auffordern und zur Gelassenheit beitragen. Und spüren wir nicht auch die Entlastung, die uns dieses Gleichnis noch heute schenkt? Es nimmt viel Druck von den Schultern! Ganz realistisch wird hier auf die Wirklichkeit unseres Lebens und unserer Welt, aber auch auf den Zustand unserer Kirche und unserer Gemeinden geblickt. Das Gleichnis befreit vom Druck und von der Panik, „einteilen" zu wollen und „ausreißen" zu müssen. Es mahnt uns zur Geduld - mit mir, mit anderen, mit dem großen Ganzen. Langmütig und liebevoll schaut der große Gärtner auf sein Ackerfeld. Lolch macht unseren Einsatz nicht überflüssig und kaputt. Am Ende, wirklich zu-GUTer-letzt, übernimmt ein anderer die Trennung und Sortierung. Wer weiß, vielleicht entpuppt sich bis dahin noch so mancher Lolch als gutes Korn. Derweil aber wird es genug sein, mit Hingabe guten Samen auszustreuen, für optimale Wachstumsbedingungen zu sorgen, den Weizen zu düngen und verheißungsvolle Setzlinge nach Kräften zu pflegen . Wir sind Säleute unter den Augen eines Gottes, der allen Menschen Zeit zum Wachstum schenkt und am Ende sicher keinen einzigen guten Halm übersehen wird. (Gedanken von Hans-Georg Gradl, Neutestamentler Oberpfalz/Trier)

Wer Ohren hat zu hören, der höre

Hörsam unterwegs im Leben, im Glauben – Gedanken zu Mt 13,1-9.18-23

„Hört nun, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet: Wer Ohren hat, der höre.“  Um Gottes Wort für unser Leben zu hören, deswegen sind wir da im Haus Gottes, dazu verlassen wir unsere vier Wände, kommen hierher, finden uns ein bei IHM: „Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören.“ Wer Ohren hat, der höre. Dazu drei „Einfälle“: 


20200711 HREN - Vor wenigen Tagen kam der neue Materialprospekt des Evangelischen Gottesdienst-Instituts, es ist angesiedelt in der Nürnberger Südstadt; unter den neuen Angeboten eine Reihe „Himmelreich“ – drei Klappkarten zu den Stichworten „wachsen“, „finden“ und „hören“. Der Blickfang auf letzterer, ein junges Elefantenkind, das seine überdimensionalen Segelohren weit aufklappt…

- Dass es ohne Hörbereitschaft nicht geht, zumindest in der Gefolgschaft Jesu und wenn du mitarbeiten willst am Aufbau SEINES Reiches, das hat mir vor Zeiten der kleine Lukas deutlich gemacht; der wollte am Abend so lang aufbleiben, bis der Pfarrer – ich – ins Haus kommt zum Taufgespräch für seine neugeborene Schwester, denn der Lukas hatte mir extra ein Bild gemalt, das wollte er mir noch wach persönlich übergeben: Ich habs bis heut vor Augen – am auffälligsten: zwei Riesenlauscher hat er mir an den Kopf gemalt, wie Satellitenschüsseln fasst, und vorn drauf auf die Brust ein knallrotes Herz. Und ich habe die Botschaft des Kindes so verstanden: Du, Michael Kneißl, hab Ohren und Herz weit und frei – und höre, vernimm, erspüre, lass dich treffen von SEINEM Wort! 

- Und ein drittes: in meinem Fundus an Postkarten eine, die mir Alfons Hutter vorzeiten geschrieben hat; das Bildmotiv darauf hatten wir zuvor im Original gesehen bei einer Fahrt mit Kurskollegen in den Hohen Norden; in Lübeck ein Besuch in der evang. Marienkirche, dem größten Gotteshaus dort weit und breit, mit einer gewaltigen Orgel und darunter jenes Motiv, ein Relief: zu sehen ist da an den Orgeltasten ein Virtuose seiner Zeit, Dietrich Buxtehude, und halb dahinter, seitlich daneben Johann  Sebastian Bach in seinen jungen Jahren; er kam für einige Zeit extra aus Arnstadt nach Lübeck, so die Inschrift darunter, um den Meister Buxtehude, den er sehr verehrte, innig zu „be-horchen“. Ja, du hast richtig gehört: be-horchen; mir war dieser Ausdruck auch ungewohnt, neu – nicht aushorchen oder abhören oder gehorchen, und die ganze Haltung des jungen Bach – Buxtehude zugeneigt; mit dem Ohr, mit seinem Wesen lauschen auf die Klänge und sie so aufnehmend, verinnerlichend... 

Jemanden behorchen – wer Ohren hat, höre. Jesus be-horchen, seine Geschichten, Gleichnisse, Worte wahrnehmen, heranlassen an mich, IHN selber, das  Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns Menschen wohnt, bei uns sein Zelt aufschlägt. - In diesem Schlüsselwort „Hörsamkeit“ (laut meinem alttestamentlichen Lehrer Alfons Deissler die Voraussetzung für echten Gehorsam!) kann ich selber ganz gut meinen Dienst, meine Sendung sehen. Und damit hat uns  Bischof Alois Brems selig konfrontiert – vor unserer Ordination, der Weihe zum priesterlichen Dienst am Fest der Begegnung, Maria besucht Elisabeth, dem 2. Juli 1983 gab es beim ihm die Skrutinien, also die Entscheidungsfragen des Bischofs an uns Priesteramts-Kandidaten; die erste lautete: „Bist du bereit, das Wort Gottes gemäß der biblischen Weisung, den Überlieferungen der Kirche und im Bewusstsein deiner Verantwortung zu vernehmen und zu verkünden – zum Heil der Menschen und unserer Welt? -- Dieses „Be-horchen“, glaube ich heute, ist eine der starken Lebenslinien, ein „main stream“, der mich zu dieser Berufswahl, zum Eingehen auf diese Art der Berufung hingeleitet hat. 

Immer wieder zwischendurch wird die Frage an mich gestellt, von jungen, von älteren Leuten: Wie oder wann oder durch wen sind Sie, Herr Pfarrer, bist du, Michael, auf die Idee gekommen, diesen Weg einzuschlagen…? Erste Berufswünsche weiß ich noch: Maurer, Lokführer, Apotheker, die Richtung Theologie erst später, in der Zeit meiner Jugendarbeit, bei Kolping, im Dekanat, mit den Ministranten. Nach dem Abitur die Aufnahme ins Seminar, der Gang an die Uni, ich fühlte mich hingezogen, aber wollte diese Wegstrecke als Prüfung und Erprobung begehen, ob es ‚taugt‘ und mein Weg werden kann … Ehrlich gestanden, den Tag und die Stunde meines Entschlusses kann ich dir nicht sagen; es gab ihn nicht so – wie es ihn durchaus geben kann: in einer Lebensentscheidung, einer Beziehungsgeschichte, einem existenziellen Vorhaben - diesen unumkehrbaren Moment, wo dir auf einmal das Weitere klar ist, unumstößlich. Ich hab im Theologiestudium zu Zeiten darauf gewartet, auf diesen Punkt, den andere manchmal auf Tag und Stunde exakt benennen können, die ab da wussten: das will ich tun. Ich war unruhig, erwartungsvoll … Dann hab ich nach-gedacht: Mensch, wo kommst du her: Von unserer Oma mütterlicherseits her – die einzige der Großeltern, die ich erlebte – sie war eine Hebamme auf dem Land - unterwegs zu den Leuten, zu Fuß, mit dem Radl, Motorrad hunderte von Malen, hin zu werdenden Müttern und Vätern, in die Häuser des neuen Lebens. Das entsteht nicht von heut auf morgen, damit musst du monatelang schwanger gehen, in Verborgenheit ist da die schöpferische Kraft Gottes am Werk – und dann ist es soweit: Leben kommt zur Welt, unter Freuden, unter Wehen, zeigt sich - du weinst, du freust dich, bist glücklich, staunst, wunderst dich, bist dankbar - als Eltern wisst Ihr um diese ‚anderen Umstände‘ weit mehr; so ähnlich gings mir auch in meiner eigenen Geschichte des Lebens, des Glaubens: ein Prozess, ein Werden und Reifen... - Und von meinen väterlichen Ursprüngen stamme ich ab aus der Welt der Landwirtschaft und des Landhandels. Kannst du vom Getreide sagen: Akkurat an diesem Tag jetzt ist die Gerste, der Weizen reif …. Mhm, das ist vielmehr eine Entwicklung – knospen und aufsprießen, ein Sich-entfalten und Heran-reifen, begleitet durch menschliche Arbeit und gewirkt durch die Kräfte der Natur, angestiftet von Gottes großer Gnade. Und nach vielen Übergängen, Wandlungen ist es dann allmählich so weit: Frucht hat sich gebildet, vielfach, eine  Zeit der Ernte – so ist es mir ergangen, so hab ichs erfahren: Gottes Gedanken weit über das hinaus, was ich mir ausdenken konnte; Wege der Zuversicht von IHM her durch meine Ängste hindurch und über meine Schwächen weit hinaus. Ein allmähliches Werden und Wachsen, schließlich das Mich-der-Entscheidung-stellen; durch manche Höhen und Tiefen ist die Gewissheit herangereift und hat mich erfüllt: wage es, ER trauts dir zu, als Sämann seines Wortes das Leben mit den Menschen zu teilen. 

Das spreche ich bewusst nicht in der Vergangenheits-, sondern in der Gegenwartsform, denn in diesem Geschehen von IHM her, aus meinem Inneren heraus und von Glück und den Nöten der Menschen und  unserer Zeit bewegt, bin und bleibe ich ja drin, Tag für Tag und durch manche Nächte: „Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel und nicht dorthin zurückkehren, sondern die Erde tränken und sie fruchtbar machen und sie zum Sprießen bringen und Samen geben dem, der sät, und Brot dem, der isst, so ist mein Wort - Spruch Gottes, des HERRN - das aus meinem Mund hervorgeht: Nicht ohne Wirkung kehrt es zu mir zurück, sondern es vollbringt, was mir gefällt, und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe.“ Ja, das Wort will einwurzeln und aufgehen, es drängt im biblischen Sinn jedenfalls zum Handeln. So heißt es selten im Alten, Ersten Testament: Ein Wort wird gesagt, sondern: Gottes Wort geschieht, es ereignet sich, drängt, es zu befolgen… - Fragt sich nur, ob ich ihm ausreichend Zeit und Raum widme im eigenen Leben. Denn davon erzählt ja das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld: Nicht von den anderen, den Leichtfüßigen, nicht von allen möglichen und unmöglichen Vögeln, die das Wort wegpicken -- nicht von den Felsig-harten, die sich resistent zeigen gegen Gott und seine Kirche -- nicht von denen, bei denen das Dorngestrüpp der Sorgen und Verrichtungen gleich alles ersticken kann… Sondern: Ich selber bin in diesem Bild gemeint - ich selber gehe zuweilen salopp, husch, husch über die Anfrage, den Ernst SEINER Botschaft hinweg; ich erschwere es SEINER Geistkraft, mein Inneres geschmeidig zu halten für SEINEN Anruf, da blocke ich ab und blockiere; ich bin es, der das Wort erstickt, weil ich eigenen Schlauheiten und auch Ängsten und Einbildungen mehr traue als SEINER Weisheit. 

Und – gebe es Gott-: Guter Boden möchte ich, möchten wir sein, damit der Same des Wortes auch heute bei dir, bei mir den rechten Grund, aufnahmebereiten Boden findet, aufsprossen kann, vielfältig Frucht ansetzt, zum Segen für uns selber und für unsere Welt. Amen.

MK