„Was uns Steine erzählen und künden…“

 Anregungen zu Gottes Wegen mit uns in seinem Jesus

Jene, die Jesus folgen auf seinem Weg durchs Land und bei seinem Einzug zum großen Fest in Jerusalem, rufen den Lobpeis auf ihn, den Gesalbten Gottes, kraftvoll aus: „Gesegnet sei ER, der kommt im Namen des HERRN – hosianna“. – Einige Hochreligiöse schreiten ein: „Jesus, Meister, bring sie zur Vernunft, gebiete ihnen zu schweigen!“. Er entgegnet: „Wenn diese hier schweigen, dann werden die Steine schreien…“ (Lk 19, 37f)

Seit langem ‚beschäftigt‘ mich dieser Schlussvers im Palmsonntags-Evangelium nach Lukas. Wenn wir vor einem altehrwürdigen Gebäude stehen, einem Gotteshaus, einer Burganlage, auch angesichts eines Ruinenfeldes, dann sagen wir manchmal: Wenn diese Steine hier reden könnten, die wüssten wohl viele Geschichten zu erzählen, was hier alles geschehen ist, wer an diesem und jenem Ereignis wie beteiligt war… So will ich Steine, Erdreich zu Wort kommen lassen, die mit IHM und seiner befreienden, erlösenden Geschichte in Beziehung stehen:

„Ich bin doch kein Esel! Oder lieber doch…?“

 

Gedanken von Michael Kneißl, Seelsorger im Pfarrverband „brücken-schlag“, veröffentlicht im Schwabacher Tagblatt am 13. April 2019:

Die kommenden Tage und Nächte um den Frühlings-Vollmond haben in der jüdisch-christlichen Überlieferung eine uralte Geschichte. Sie sind verbunden mit dem intensiven Wunsch nach Befreiung aus äußeren und inneren Fesseln, mit der Hoffnung, dass nicht das Geld die Welt regiert, sondern die Haltung des Miteinander und Füreinander uns prägt. Dass es Platz gibt für alle Menschenkinder im gemeinsamen Haus Erde. Dass der Geist des Friedens und der Gerechtigkeit und die wache Sorge für alles Lebendige die Schöpfung durchweht. 

"Barmherzig wie der Vater"

 20190331 verlorener Sohn1

Gedanken zum  Evangelium Jesu nach Lukas 15, 1-3.11-32

Jesus -wie so oft- wieder in besonderer Gesellschaft: „Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm“ - kein Wunder, dass die religiösen Insider -Schriftgelehrte, fromme Pharisäer- ungehalten sind und sich aufregen: Wie kann er bloß! Und mit diesen kirchlich Fernstehenden auch noch an einem Tisch... Zöllner und Sünder kommen, um ihn zu hören - nicht über irgendetwas, sondern über Gott und die Welt und SEINE Wege mit uns Menschen spricht der Rabbi aus Nazaret. Und er tut dabei das Fenster des Glaubens weit auf, über das bislang Gewohnte, die alten Denkmuster hinaus... Seine Bildgeschichten sind wie Fenster, durch die hindurch du sehen kannst, dass dein Leben unter der Königsherrschaft Gottes steht, eines Gottes, der nichts als Liebe, Wahrheit, göttliche Gerechtigkeit -also Barmherzigkeit- ist. Das macht sein innerstes Wesen und damit sein Wirken aus. Und diese ‚Charakterzüge Gottes‘ gewissermaßen, die sind auch in euch, in euer Herz hineingelegt. Gebraucht ihr sie in eurem Leben miteinander, so entsteht das Reich Gottes, das Reich des Friedens, der Versöhnung, der Freundschaft und der Ehrfurcht vor allem Leben mitten unter euch. Also nicht ein Reich der Gewalt und Vergeltung, nicht der Leistungsfrömmigkeit, der strengen Gesetzesmoral und der rächenden Strafgerechtigkeit. 

Wer mit Jesus betet: Du unser Vater / „ábba“ - so klingt es aus dem Mund und Herzen Jesu- für den verliert das Angesicht Gottes alle grauen- und schreckenerregenden Züge und er darf das Antlitz des bedingungslos liebenden Vaters erkennen. Jesus bricht unwiderruflich mit einer Religion der Furcht und Bedrückung. Paulus bringt es auf den Punkt: ‚Wenn jemand in Christus Jesus ist, vom ihm her denkt, mit ihm Glauben wagt, dass ist er eine neue Schöpfung; Altes ist vergangen, unerwartet Neues ist geworden, eine Zeit der Gnade, Tage des Heiles.‘ (1 Kor 5,17ff) Das stellt auch mein Verhältnis zum Mitmenschen und zu mir selber auf eine neue Basis - ich darf im anderen, jenseits aller eingewurzelten Vorbehalte, Vorurteile und Ängste, den Nächsten finden und ich darf im Blick auf mich selber die Gewissheit empfangen, das von unbeirrbarer Güte umsorgte Kind des himmlischen Vaters zu sein. Kaum ein anderes Evangelium wie das heutige kann uns diese Sichtweise aufschließen. 

„Er war verloren und ist wiedergefunden.“ Es war in meinem letzten Dienstjahr in der Pfarrgemeinde Neukirchen-Etzelwang und es war in diesen Tagen, im März. Da war ich heftigst am Suchen: mein Taschenkalender, ein kleines Ringbuch mit Einlegeblättern war verschwunden. Gut, einige Verpflichtungen hab ich im Kopf, aber den Großteil weiß ich nicht auswendig. Also alle Aufenthaltsorte der besagten Zeit nochmals abklappern: Gemeindehaus, KiGa, Schulzimmer, Sakristei, Arbeitszimmer… Hab ich das gute Stück evtl. beim Trauergottesdienst auswärts bzw. in der Jugendstelle liegengelassen; hin und her, Nachfragen, Telefonate. Zwei Tage später dann ein erlösender Anruf aus der Nachbarschaft: Ein Junge hat einen Ledereinband am Straßenrand gefunden; Aufatmen bei mir - aber als ich den Kalender in Händen halte, bin ich ernüchtert, nur ein paar Blätter drin - die Adressen von T bis Z sind noch da und ein paar einzelne Wochenzettel; 80 Prozent futsch, das Büch‘l war mir wohl beim Einsteigen ins Auto am Straßenrand unbemerkt aus dem Anorak gefallen, es war vorbeifahrenden PKWs unter die Räder gekommen, mitgeschleift, der Inhalt vom starken Winde verweht. -- Verloren und ja, irgendwie wiedergefunden, aber elend spärlich nur. Das eine und andere kann ich mir wieder erfragen - was mir am meisten nachgeht und mich herausfordert: Dass ich die etlichen Dutzende von Namen und Anschriften und Kontakten wieder sammeln und rausbringen kann von und zu Menschen, mit denen ich in Beziehung stehe: Verwandte, Freunde, Kollegen, Weggefährten: Die liegen mir am Herzen, die möchte ich nicht aufgeben, nicht mir-nichts-dir-nichts davon flattern lassen. 

Und ich hab mir gedacht beim Vorbereiten der Predigt jetzt zu diesem Text: Kneißl, wenn du dich schon so abtust um "deine Leute" und dich sorgst, dass Verbindungen nicht abreißen, um wie viel mehr unser Vater im Himmel. Der hat doch alle ins Dasein gerufen, kennt uns alle von A -Z (nicht nur die ‚religiös Brauchbaren‘) namentlich und mit Herz und Nieren, unsere Stärken, unsere ‚Untugenden‘. Keine und keinen einzigen von uns gibt er auf; lässt uns in Freiheit los und ziehen; hält längst Ausschau, läuft uns entgegen, küsst uns ab, birgt uns, steckt uns den Ring des Bundes an den Finger, trägt uns nichts nach. 

20190331 Rembrandt 1Der berühmte Maler Rembrandt bringt dieses Ankommen-dürfen und Angenommen-werden, so wie wir sind auch „mit Dreck und Speck“, unnachahmlich ins Bild: ‚Vater, ich habe gegen dich, gegen den Himmel gesündigt!‘ – ‚Mein Sohn war tot und ist wieder aufgelebt, er war verloren und ist wieder gefunden‘. Zur Sprache der Worte kommt -du siehst es- die Sprache des Herzens, der Augen, der Hände. Es fällt mir auf: Der Vater hat gleichsam zwei verschiedene Hände - eine große kräftige, breite Hand -wie ein Mann, a weng so a ‚Schaufel‘ wie ich selber  - und der Maler hat die andere wie eine Frauenhand dargestellt: eher zartgliedrig, fein, behutsam, sanft. Wenn Jesus von Gott als Vater spricht, geht‘s nicht um einen Patriarchen, um eine Über-Instanz, vielmehr um den Schöpfer aller, der auch mütterliche Züge trägt. Deshalb ist bei mir diese Erzählung vom barmherzigen Vater unlösbar mit einem Vers aus Jesaja verknüpft: „So spricht Gott: Kann denn eine Frau ihren eigenen Sohn vergessen, eine Mutter ihr leibliches Kind? Und selbst, wenn sie es vergessen würde: Ich vergesse dich nicht. Du bist mein.“ - Aus dem Kalender seiner Barmherzigkeit wird niemand gelöscht.

Gleichnis vom verlorenen Sohn, so heißt diese Geschichte von früher her. Jemand hat mich durcheinander gebracht, als er sagte: Wenn schon nicht Evangelium vom barmherzigen Vater, so muss es heißen: Gleichnis von den beiden verlorenen Söhnen. Denn es bliebe ja zuletzt offen, ob der ältere mit dazu kommt zum Fest der Versöhnung, ob er nicht abseits bleiben will - er spricht ja nicht mehr von seinem Bruder, sondern: „Der da, dein Sohn, der dein Geld durchgebracht hat…“ - Der Vater eilt eigens auch ihm entgegen, geht hinaus, bittet ihn herein: „Jetzt müssen wir uns doch freuen und feier, denn dein Bruder, schon totgeglaubt, lebt wieder“. Eine alte Meditationsanleitung rät, sich einmal der Reihe nach in jede der handelnden Personen hinein zu versetzen: Mag sein, dass ich mich eher in der Figur dessen sehe, der treu und redlich daheim das Seine verrichtet und ohne mords Eskapaden fleißig und rechtens lebt und er über das Verhalten des Vaters zornig wird, in Wut gerät: Sowas Ungerechtes, oder? Er kann in diesem Moment gar nicht sehen, dass ja auch er alles empfangen hat: „Der Vater sagte: Mein Kind, du bist allzeit bei mir und all das Meine ist dein.“ So wie es in einem Gebet im Messbuch heißt: „Gott, alles was wir sind und haben, kommt von dir. Lehre uns, alle Erweise deiner Vater-(und Mutter-)Güte zu sehen...“ Übersehen hab ich selber -und dabei les ich diese Geschichte seit Kindesbeinen- dass es am Anfang auf die Aufforderung des Jüngeren, sein Erbe schon zu Vaters Lebzeiten zu bekommen, heißt: „Da teilte der Vater beiden sein Vermögen aus, er machte ihnen auseinander, was er zum Leben hatte.“ Wir alle haben das Leben aus SEINEN Händen und können und sollen etwas daraus machen nach unserer je eigenen Art. Die Gaben und Begabungen, die Lebenschancen sind vielfältig, unterschiedlich - ohne ist niemand von uns. Und alle liegen wir IHM am Herzen. Wenn wir uns denn hin-trauen zu IHM. Jesus möchte uns dazu Mut machen. Die Kunstkenner sind sich ziemlich einig, dass sich Rembrandt -seine Biographie kennt neben manchen Erfolgen viele Durststrecken, dunkle Täler, ganz kritische Phasen- selbst als den heruntergekommenen Sohn in diese Szene hinein gemalt hat: Lassen wir uns von ihm mit nehmen - dass ich mich hin-wage so, wie mir zumute ist und wie ich beinander bin, äußerlich und innerlich. Dass ich meine Scham aufgebe und mich vor Gott zeigen kann ohne Fassade und falschen Stolz - er stellt mich nicht bloß; er führt mich nicht vor. In dem Maß, in dem ich mich hineingeben kann in das Denken und Fühlen dieses barmherzigen Vaters, wird die Kehrtwende in Gang kommen, die uns Menschen einander wahrnehmen lässt ohne Ausnahme als Kinder des einen Gottes, ein geschwisterlicher Umgang mit allen Geschöpfen wird wachsen; animus und anima in uns, unsere männliche und weibliche Seite darf zur Entfaltung kommen; sind wir doch -auch als verlorene Söhne und Töchter- Ebenbild und Gleichnis dessen, der uns Vater ist und Mutter und noch weit mehr…

MK

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Darstellung zum Evangelium in der Jahrekrippe in der Kirche St.Nikolaus

20190331 verlorener Sohn

Der Gottes-Name JAHWE: Ich-bin-da-wo-du-bist

„Gott antwortete dem Mose: Ich bin JAHWE, der Ich-bin-da; das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen...“ (Exodus 3). Ehrlich gesagt, für mich hat‘s lange Jahre meines Lebens gedauert, bis mir dieser Name Gottes bewusst eingeleuchtet ist, Bedeutung bekommen hat, bis ich ihn selber auf die Lippen und - das ist das Entscheidende - in mein Herz genommen habe. Denn: so will er heißen, in allen Generationen, zu allen Zeiten. So gehe ich mit Ihnen, mit dir gleichsam auf Entdeckungsreise anhand dessen, was die biblische Forschung und die geistliche Überlieferung zur Herkunft und inneren Kraft dieses Namens, dieser Offenbarung Gottes, bis heute aufgespürt hat, uns an die Hand gibt. 

Der lange Weg zum JAHWE-Glauben Israels begann, als unsere Vorfahren vor Jahrtausenden lernten, ‚nach oben zu schauen‘, hin zu den Mächten und Gewalten, von denen sie sich abhängig erfuhren und zugleich getragen wussten. Die Weisheit, empfangen im Ahnen und Staunen, lehrte sie, dass Größeres und Höheres da sein muss als sie selbst, die kleinen, vergänglichen Menschen. Und ihnen ging auf, dass solches Größere nicht von geringerer Daseins-Art sein kann als sie, die mit Ich-Bewusstsein und Wille begabten Geschöpfe. „Der uns das Ohr geschaffen hat, sollte der selbst nicht hören…“ bekennt der biblische Psalmenbeter. Geistige, personale Götterwesen begleiteten nun die Stammesgruppen und Volksgemeinschaften - freilich mit all der Doppelgesichtigkeit behaftet, die ja auch dem Menschenherzen eigen ist: Furcht und Güte, Belohnen und Bestrafen, Rache und Vergebung, Krankheit und Unwetter, Tod und Verderben – das schien zu bestätigen, dass von den Göttern das Gute wie das Böse kommt. Mit Opfern meinten sie, dem Zorn der Götter entgehen und ihre Gunst wiedererlangen zu können. Kriege um Weideland und Wasser, um Vormachtstellung und Unabhängigkeit wurden im Namen solcher Götter geführt, und der eine Gott erwies sich -für den eigenen Stamm- als schützend, der andere als vernichtend. 

Und es ist wieder die Weisheit, die eines Tages, wohl im 14.Jahrhdt. v. Chr. eine Gruppe von Nomaden, also von wandernden Hirten in der nordarabischen Steppe dazu bringt, ihren Schutzgott JAHWE zu nennen. Jahwe ist -typisch für die Namensgebung in der altorientalischen Welt- ein kleiner Satz, der eine Aussage über den Namensträger macht. Seiner 1.Wortwurzel nach, der aus arabischem Raum, heißt diese Gottes-Aussage: „ER weht“. Wie der Wind da ist, wollten die Viehhirten einander wohl sagen, so ist unser Gott für uns da. Du siehst ihn nicht, aber er "umweht“ dich von allen Seiten. Verborgen ist er da mit seiner bergenden, starken Kraft, wo immer wir uns aufhalten auf der Wanderschaft durch Grünland, Wüste und Gebirge – ER mit uns, ER um uns. Als eine spätere Stammesgruppe dieser ‚habiru‘, dieser hebräischen Nomaden in die Sklaverei der Ägypter geraten war und eines Tages auf abenteuerliche Weise dem Elend der Knechtschaft entrinnen konnte, stärkte und festigte das diese Gottessicht. Mit ihrem „ER weht“ werden die Befreiten dieser Exodus-(=Auszugs)Gruppe nach Kanaan, in das Land des späteren Israel kommen; das Alte/Erste Testament erzählt, das sei mit Kämpfen und Konflikten verbunden gewesen, denken wir an die Eroberung Jerichos mit Posaunen und Hörnerklang; das wird aber auf weite Strecken gleichsam auch ein Einsickern, ein Dazu-kommen gewesen sein, ein Miteinander-sich-arrangieren, dann sich Austauschen, ja Bereichern - denken wir an das Flüchtlingsgeschehen bei uns nach dem Krieg und jetzt auch in unseren Tagen...

Dort, im Land Kanaan, so die Bibelwissenschaftler, liegt die 2.Bedeutungswurzel von JAHWE. Sehr wahrscheinlich gab es da im Land selber, unter den ursprünglichen Kanaan-Bewohnern, auch eine Befreiungs-Erfahrung: Denn auch sie waren einer Übermacht entkommen, als um 1200 v. Chr. die bis dahin politische und militärische Oberherrschaft der Nachbarvölker über Kanaan zusammenbrach und die Menschen im Land sich endlich wieder zu einer freien und eigenständigen Gemeinschaft formieren konnten. Und da waren sie vielleicht ganz Ohr, als sie von der einziehenden Mose-Gruppe vernahmen, mit ihnen sei ein Gott unterwegs, um uns wie das Wehen des Windes, uns Menschen nahe wie die Luft, die wir atmen, ohne die wir leben können. Und sie, die habiru, die Hebräer kennen dieses Wort mit den zwei Silben JAH-WE ganz ähnlich auch in ihrer Sprache - und da kann es heißen, vielschichtig, mehr-sinnig: Ich bin der ICH BIN, aber auch: ich bin der ICH-BIN-DA und: ICH-BIN-DER-INS-DASEIN-SETZT. Hinzu kommt, dass das Wort, das wir mit „Ich bin“ übersetzen im Hebräischen grammatisch den sog. „ewigen Präsens“ ausdrückt, auf gut deutsch also nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft meint. Pinchas Lapide, ein jüdischer Schriftausleger versteht es so: Jahwe werde also nicht in der Form erscheinen, wie wir Glaubende es uns wünschen, sondern immer in der von ihm selbst bestimmten Art und Weise  - wie „Ich eben da sein werde“...

"Ich bin, ich war, ich werde sein" - das meint zudem in der Sprache Israels nicht ein bloßes Existieren, sondern: werden, geschehen, sich ereignen... Mit der 'Antenne unseres Glaubens' dürfen wir da die Zusage heraushören: * dass ER bei uns ist, *dass ER um uns herum 'geschieht', * dass ER am Werk ist, * dass alles, was da ist, durch ihn im Da sein und im Werden ist: Schöpfer des Himmels und der Erde, Freund des Lebens in jedem Augenblick...

20190324 SKderDie Erzählung vom brennenden Dornbusch, sie ist im 9.Jhdt. vor Chr. verfasst worden, verdichtet dieses Ineinander-verknüpft werden der beiden Bedeutungslinien: 

Sie spricht vom „Gott eurer Väter - Abrahams, Isaaks, Jakobs“ - das sind die Repräsentanten der Welt wandernder Hirten - ER, der sie und euch umweht und begleitet bei allen Wegen + ER ist der Ich-bin-da-für-euch, -für-dich. Deswegen ja auch stellt sich Gott in Beziehung vor: Ich bin der Gott des Abraham, der Gott für dich, Carolin, der Gott mit dir, Dieter (setze hier ruhig deinen Namen mit ein). - Martin Buber überträgt diese Gottes-Zusage so: Ich bin da wo du bist, spricht der Herr. -- Jahwe (im Hebr. mit vier Konsonanten IHWH geschrieben und von daher auch Vier-Buchstaben-Wort genannt) wurde so zu DEM großen Namen im Volk Israel. Man sprach diesen Namen in der Regel nicht aus und ersetzte ihn beim Lesen aus den Hl. Schriften mit "adonai - der Herr". Und das nicht nur aus Ehrfurcht, sondern auch deshalb, um die Gefahr zu bannen, dass der Gottesname zu einer "Formel", einem "Begriff" wird oder zu einem zerredeten Gebrauchswort, vielmehr um immer wieder neu diesen Zuspruch zu hören, zu erwägen, in meiner momentanen Situation: DU, mit mir, du um mich herum - komme, was kommen mag... Dass sich die neue Einheitsübersetzung dieser Praxis anschließt und den GottesNamen JAHWE zu „HERR“ macht, finde ich bedauerlich und unstimmig. Da halte ich mich lieber auf der Spur Jesu, auch betend in seiner Nachfolge, der uns lehrt, Gott unbefangen anzurufen, ohne „Majestätsbekundungen“ und mit IHM auf Du und Du zu gehen.

Von diesem Jahwe sprach Jesus, wenn er zu Gott betete und ihn Abba – Papa/Vater- nannte; und so leuchtet uns jetzt der ICH BIN DA auf ohne jede Ambivalenz, ohne jede Zweideutigkeit (Güte/ Strafe etc.). Und Jesus wird die Weisheit Gottes, seine Lebenskraft den "Geist der Wahrheit" nennen. In seiner Muttersprache ist Geist die "ruach", in der griech. Sprache der frühchristlichen Gemeinden das "pneuma" - ein Wort, das in beiden Sprachen die wehende, frische und erfrischende Luft bezeichnet. Die heilige ruach, die heilige Geistkraft - das ist das Wehen von IHM her, der Hauch, der Sturm und das Brausen, der Wind und der Atem seines Abba-Jahwe. "Dein Geist weht, wo er will", singen wir in einem rhythmischen Lied, "wir können es nicht ahnen, er greift nach unsern Herzen und bricht sich neue Bahnen. - Dein Geist weht wo er will, er ist wie ein Erfinder; aus Erde hat er uns gemacht, als seines Geistes Kinder." Und auch das Sinnbild des Lichtes, der Flamme -vom brennenden Dornbusch her- taucht wieder auf, wenn der Täufer Johannes über Jesus aus Nazaret, den „Knecht Jahwes“ sagt: Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer, mit dem Feuer der Liebe taufen. 

Meine Schwestern und Brüder auf dem Weg, eine Lichtspur des Gottsuchens und -erkennens zieht sich so durch die Zeiten, durch alle Generationen hindurch bis zu uns her. Und ich wünsche uns, dass wir davon berührt und ergriffen werden. Dass wir die uralten Geschichten lesend und hörend vernehmen und uns selber als mittendrin begreifen: Der Ort, wo du stehst und gehst, ist heiliger Boden. / Ich kenne dein Leid und höre deine Stimme, spricht der Herr. / Ich bin der Gott deiner Väter und Mütter, all deiner Vorfahren / und der ICH BIN FÜR DICH DA. Jetzt und auf immer.

mk (in Anlehnung an Gedanken von P. Reinhard Körner)