Jesus braucht und sendet „72 ANDERE“ – je zu zweit

Gedanken zu Lk 10, 1-9

Der Apostelabschiedsaltar von Tilman Riemenschneider
in der Allerheiligenkirche in Kleinschwarzenlohe

 20190700 ApostelaussendungZwölf Jünger hat Jesus berufen und ausgesandt, die Apostel - 12 an der Zahl; diese Zahl soll für die Fülle des Volkes Gottes in seiner Gesamtheit stehen; wir wissen: das Gottesvolk des ersten Bundes, Israel, ist aus 12 Stämmen zusammengefügt. Jesus weiß sich ganz in der Geschichte Gottes mit uns und so nimmt er die Zwölfzahl und ruft 12 Sendboten und schickt sie in die Zeit und in den Raum der Schöpfung Gottes. Er sendet sie bis an die Enden der Erde und verheißt ihnen, dass er bis ans Ende, bis ans Ziel der Zeiten bei ihnen sein wird. Damit scheint alles abgedeckt, seelsorgerlich geordnet und versorgt. 

Alles abdecken zu können ist Wunschtraum und Sorge vieler, die in den Bischöflichen Ordinariaten und in Landeskirchenämtern über den Stellenplänen für ihre Diözese bzw. ihren Kirchensprengel brüten. Die Zahl der amtlich Bevollmächtigten ist zu dem immer noch weit verbreiteten Christentum in ein offensichtliches Missverhältnis geraten. Theoretisch und symbolisch könnte ein Bistum, eine Ortskirche auch mit einer kleinen Zahl von Amtsträgern auskommen: 12 halt, nach der Weisung Jesu. Unsere röm-kath. Kirche konnte im Lauf der Jahrhunderte sogar nur noch ein Einziger verkörpern – nämlich der Bischof von Rom, der Papst, in früheren Zeiten ruhmvoll genannt: „Stellvertreter Jesu Christi auf Erden“, mittlerweile stimmiger: Nachfolger des Apostels Petrus im Dienst an der Einheit.

Wo es aber um ursprüngliche, unmittelbare Begegnung geht, zu festlichen Anliegen wie auch im Alltag, um Begleitung von Menschen in allem Auf und Ab des Lebens, braucht es mehr. Denn jede und jeder von uns hat nur ein bestimmtes Spektrum, in dem er oder sie sich den Mitmenschen aufmerksam, mit wachen Sinnen zuwenden und widmen kann. Da trifft es sich gut, dass im Kap.10 des Lukasevangeliums, im sogenannten „Reisebericht“, von einer zweiten Aussendung die Rede ist. Dort heißt es ohne nähere Erklärung wörtlich, dass der Herr noch „ANDERE“ bestellte, nämlich 72; für die Maßnahme wie die Zahl gibt es eine ganze Reihe Deutungen. 
Interessant ist es, sich zu fragen, wer diese Leute eigentlich sind. Was macht ihr Anders-sein aus; handelt es sich um weitere Jünger, welche die rechnerisch winzige Zahl 12 der zunächst Ausgesandten verstärken soll? In welchem Verhältnis bewegen sich diese 72 zu den Aposteln, stehen sie auf derselben Ebene oder sind sie ihnen untergeordnet? Haben sie vergleichbare Vollmacht, sind es Frauen und Männer, die die 12 ergänzen? Wenn ja, in welchem Rahmen, mit welcher Handlungsfreiheit? Das griechische Wort im Urtext, das hier mit „Andere“ wiedergegeben wird, hat auch die Bedeutung „heterogen“ = ungleichartig zusammengesetzt, uneinheitlich, handelt es sich also um Menschen, die von der Gemeinschaft der 12 abweichen, sie sogar sprengen? Sie sollen, wie es heißt, dorthin gehen wo sich Jesus selber hinbegeben wollte, also stellvertretend für ihn, an seiner statt. Meine Schwestern und Brüder im Glauben, kann jemand unmittelbarer, höher beauftragt werden …?

Dieser Begriff „andere“, die Jesus bestellt, lässt sich kaum so deuten, als sei nur eine bestimmte Gruppe von Leuten gemeint. Vielmehr sind es viele einzelne unverwechselbare Menschen mit ihren Lebenswegen, damals am Anfang und heute hier in unserer Zeit. Sie sorgen zusammen dafür, dass die Kirche ihren Weg nicht in besonderen Zirkeln, in unfrommen Extrawelten weiter geht, sondern unterwegs bleibt in einer Breite, die der Gesellschaft entspricht. Diese eigenartige Bezeichnung im Text des Lukasevangeliums, „72 Andere“, macht Mut, unbekümmert und ressourcenorientiert anhand der vorgegebenen Mittel und Personen über die zukünftige Ausgestaltung der Seelsorge nachzudenken. Gesetzt den Fall, sollte es in jeder Diözese nur noch 12 Amtsträger geben – an „Anderen“ dürfte es nie mangeln. Da bist du ganz persönlich gefragt mit deiner Erfahrung, deiner Phantasie, deinem Gottvertrauen, auch mit deinen Grenzen und zusammen mit den „anderen“ - im Gespür für unseren gemeinsamen Auftrag als Getaufte, bei dem du deine Akzente und Gaben mit hinein bringst. Sei so frei und trau dich. 
Paulus, der Völkermissionar, bekräftigt diese Erkenntnis und Sichtweise: in den letzten Zeilen seines Briefes an die Galater (Gal 6,14-18); oft hat er seine Briefe ja diktiert, dieses Schlusswort schreibt er eigenhändig und in großen Buchstaben, er fasst das Wesentliche zusammen: „Jetzt kommt es nicht mehr darauf an, ob beschnitten oder unbeschnitten, d. h. der ganze Streit, ob „altgläubiger“ Jude oder neu zum Glauben dazu Gestoßener, ob Sklave oder Freier, ob Mann oder Frau, ist überholt - ihr seid eins in Christus Jesus, seid in ihm eine neue Schöpfung - will sagen: beauftragt, den Glauben leben, der in der Liebe wirksam ist.

Einige Gedanken noch zu einer zweiten Zahl, die in unserem Text heute eine entscheidende Rolle spielt. „Jesus sandte sie zu Zweit vor sich her in jede Stadt und in jede Ortschaft, wohin er selbst kommen wollte“: Die Zwei! - Maria Walburg aus der Gemeinschaft der „Kleinen Schwestern Jesu“, ihr Leben lang ringend mit dem biblischen Wort, gibt folgende Hinweise: Die ersten hebräischen Worte der Heiligen Schrift lauten: bereschit bará elohim we ha-schamaim, we ha-aretz. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, bereschit bara, B: ist der zweite Buchstabe des Alphabets, der im Hebräischen beim Rechnen auch die Zahl 2 verkörpert, also: die Schöpfung basiert auf der 2. Unser Leben gründet auf der Polarität. Wir sind in dieser Welt keine Eigenbrötler, keine Solisten. Das heißt, das Grundmuster für unser Leben ist der Dialog, der Austausch: Geben und nehmen, empfangen und schenken, hören und reden, kommen und gehen. Jesus sandte sie aus zu Zweien: nach altem Rechtsverständnis braucht es immer zwei Zeugen, um eine Angelegenheit sachgerecht klären zu können – „audiatur et altera pars = es möge auch die andere Seite gehört werden“, so ein römischer Grundsatz. 
In der Bibel begegnen uns so oft Paare: Adam und Eva, Kain und Abel, Abraham und Sara, es passiert immer etwas zwischen den zwei, nicht dass die eine Seite gewinnt und die andere verliert. Leibseite und Geistseite, beides gilt es wahr zu nehmen in unserem Dasein; es fordert heraus und ergänzt sich. Beispiel Mose und sein Bruder Aaron: ohne Aaron, der „reden kann“, wäre Mose ein „Feigling“, würde sich nicht zum ägypt. Pharao hintrauen, um das Ende der Knechtschaft zu erwirken. Umgekehrt: Weil Aaron am Berg Sinai sich von Mose abwendet, verfällt er kurzerhand dem Götzendienst, lässt das „goldene Kalb“, eine Stierstatue zur Verehrung aufstellen. 
Also: Das muss ich stets neu vor Augen haben, dass ich ein Mensch des Dialogs bin; ich muss mich immer bekehren und sehen, dass der andere, die andere da ist; es geht darum, dass das eine das andere nicht verachtet oder gering schätzt. Beim Trauversprechen bringen es zwei Menschen voreinander ins Wort: „Ich will dich lieben, achten und ehren, alle Tage meines Lebens.“ Die Reihenfolge, glaub ich, gilt im gelebten Leben wohl besser umgekehrt: Ehren, achten und lieben. Die Liebe vor allem in höchsten Gefühlen ist nicht immer spürbar da, aber die Achtung voreinander kann ich lernen und einem Menschen die Ehre erweisen - das darf und muss ich üben. 

„Jesus sandte sie aus zu Zweien“: Auch in mir selber gilt es diese ‚Zweiheit‘ zu beachten, hinein zu lauschen in mich selbst, was sich da rührt, was mich bewegt, also den Dialog mit mir selber pflegen: das eine und das andere an Stimmen und an Stimmungen wahr nehmen, gleichsam mit mir selber sprechen. Und dann voran zu ziehen. -- Das Richtige und jetzt Stimmige zu beurteilen und zu entscheiden und zu wagen, ist manchmal nicht ganz einfach. Deshalb gilt das alte Wort: „Was man nicht selbst kann, kann man durch seine Freunde, durch seine Freundinnen.“ Und so ist unsere Aussendung durch Jesus je zu Zweien auch eine Einladung und eine Aufforderung, in der Schule der Freundschaft lernwillig zu bleiben. Und das Geschenk der Weggefährtenschaft und der Nähe der „Anderen“ dankbar zu empfangen - und so gut ich‘s vermag zu erwidern.

(Klaus Hamburger, Kl. Schw. Maria Walburg von Jesus, mk)

Predigt-Gedanken von Papst Franziskus zum Hohen Pfingstfest 2019

>> Pfingsten kam für die Jünger nach fünfzig ungewissen Tagen. Einerseits war Jesus auferstanden, und voller Freude hatten sie ihn gesehen und gehört, und sie hatten sogar mit ihm gegessen. Andererseits hatten sie ihre Zweifel und Ängste noch nicht überwunden: Sie befanden sich hinter verschlossenen Türen (vgl. Joh 20,19.26), ohne große Perspektive, sie waren nicht in der Lage, den Lebenden zu verkünden. Dann kommt der Heilige Geist und die Sorgen verschwinden: Jetzt haben die Apostel auch vor denen, die sie verhaften, keine Angst mehr; zuerst hatten sie Angst um ihr Leben, jetzt haben sie keine Angst mehr vor dem Tod; zuerst hatten sie sich im Abendmahlssaal eingesperrt, jetzt ergeht ihre Verkündigung an alle Völker. Bis zur Himmelfahrt Jesu erwarteten sie ein Reich Gottes für sich (vgl. Apg 1,6), jetzt brennen sie darauf, unbekannte Lande zu erreichen. Früher hatten sie fast nie in der Öffentlichkeit gesprochen, und wenn sie es getan hatten, ging das nicht gut, wie bei Petrus, als er Jesus verleugnete; jetzt sprechen sie freimütig zu allen. Kurz gesagt, die Geschichte der Jünger, die an ein Ende gekommen zu sein schien, wird von der Kraft des Heiligen Geistes erneuert: Diese Jünger, die völlig verunsichert meinten, das sei es gewesen, wurden durch eine Freude verwandelt, die sie wiederaufleben ließ. Das bewirkte der Heilige Geist. Der Heilige Geist ist nicht, wie es scheinen mag, eine abstrakte Sache; er ist Person, äußerst konkret, ganz nah, er ist derjenige, der unser Leben verändert. Wie macht er das? Schauen wir uns die Apostel an. Der Geist hat ihnen die Dinge nicht leichter gemacht, er hat keine spektakulären Wunder vollbracht, und ihre Probleme und Gegner nicht aus dem Weg geschafft. Der Geist hat in das Leben der Jünger die Harmonie gebracht, die fehlte, nämlich seine Harmonie, denn er ist Harmonie.

20190610 HlGeist Fischbach> Harmonie im Inneren des Menschen. <  Im Inneren, im Herzen, mussten die Jünger verändert werden. Ihre Geschichte erzählt uns, dass es nicht einmal genügt, den Auferstandenen zu sehen, wenn man ihn nicht im Herzen aufnimmt. Es bringt nichts, darum zu wissen, dass der Auferstandene lebt, wenn man nicht selbst als Auferstandene/r lebt. Und es ist der Geist, der Jesus in uns leben und wiederaufleben lässt, der uns im Inneren wieder zum Leben erweckt. Deshalb wiederholt Jesus, als er den Seinen begegnet: »Friede sei mit euch!« (Joh 20,19.21), und er schenkt den Heiligen Geist.

Der Friede besteht nicht darin, dass die äußeren Probleme sich in Luft auflösen – Gott erspart den Seinen weder Trübsal noch Verfolgungen – sondern dass man den Heiligen Geist empfängt. Dieser Friede, der den Aposteln zuteil wurde, dieser Friede, der uns nicht von Problemen befreit, sondern in den Problemen frei macht, ist ein Angebot an einen jeden von uns.
  Es ist ein Friede, der das Herz den Tiefen des Meeres ähnlich sein lässt, wo immer Ruhe herrscht, auch wenn die Wellen an der Oberfläche wogen. Wie oft jedoch bleiben wir an der Oberfläche? Anstatt den Heiligen Geist zu suchen, versuchen wir uns über Wasser zu halten, indem wir denken, dass alles besser wird, wenn dieser oder jener Ärger vorbei ist, wenn ich diese oder jene Person nicht mehr sehe, wenn sich diese oder jene Situation verbessert. Aber so bleibt man an der Oberfläche: Sobald ein Problem vorbei ist, kommt ein anderes, und die Unruhe kehrt zurück. Wir werden nicht dann zur Ruhe kommen, wenn wir uns von denen distanzieren, die nicht so denken wie wir, und wir werden auch dann nicht den Frieden finden, wenn wir nur die Schwierigkeiten des Augenblicks lösen. 
Der Wendepunkt ist der Friede Jesu, die Harmonie des Heiligen Geistes.                                                                                                                                           

Heute, in der Eile, die unsere Zeit uns auferlegt, scheint es, dass die Harmonie kaum mehr eine Rolle spielt: zwischen tausend Seiten hin- und hergerissen, riskieren wir zu platzen unter dem Druck einer ständigen Nervosität, die uns auf alles schlecht reagieren lässt. Und dann sucht man eine schnelle Lösung, nimmt eine Tablette nach der anderen, um weitermachen zu können; man braucht einen Nervenkitzel nach dem anderen, um sich lebendig zu fühlen. Aber mehr als alles andere brauchen wir den Geist; er ist es, der in der Hektik Ordnung schafft. In der Unruhe schenkt er Frieden, in der Entmutigung Vertrauen, in der Traurigkeit Freude, im Alter jugendlichen inneren Elan, in der Prüfung Mut. Er ist derjenige, der in den stürmischen Strömungen des Lebens den Anker der Hoffnung setzt. Es ist der Geist, der uns, wie der heilige Paulus heute sagt, daran hindert, wieder in Angst zu verfallen, weil er uns spüren lässt, dass wir geliebte Kinder sind (vgl. Röm 8,15). Es ist der Tröster, der uns die Zärtlichkeit Gottes übermittelt. Ohne den Heiligen Geist löst sich das christliche Leben auf, da die Liebe fehlt, die alles zusammenhält. Ohne den Geist bleibt Jesus eine Figur der Vergangenheit, mit dem Heiligen Geist ist er eine heute lebende Person; ohne den Geist ist die Heilige Schrift toter Buchstabe, im Heiligen Geist ist sie Wort des Lebens. Ein Christentum ohne den Heiligen Geist ist ein freudloser Moralismus; mit dem Heiligen Geist ist es Leben.                                                    

Der Heilige Geist bringt nicht nur > Harmonie im Inneren, sondern auch im Äußeren < und zwischen den Menschen. Er macht uns zur Kirche, er setzt aus verschiedenen Teilen ein einziges harmonisches Gebäude zusammen. Schön erklärt das der heilige Paulus, der, als er von der Kirche spricht, ein Wort oft wiederholt, nämlich das Wort „verschieden“: »verschiedene Gnadengaben, verschiedene Dienste, verschiedene Kräfte« (vgl. 1 Kor 12,4-6). Wir sind verschieden in der Vielfalt unserer Eigenschaften und Begabungen. Der Geist verteilt sie phantasievoll, ohne etwas zu verflachen, ohne Gleichmacherei. Und aus diesen Unterschieden errichtet er die Einheit. Das tut er seit der Schöpfung, denn er ist ein Spezialist darin, Chaos in Kosmos zu verwandeln und alles in Einklang zu bringen. Er ist ein Spezialist darin, Verschiedenartigkeit und Bereicherung zu schaffen – jedem eine eigene und jeder eine andere. Er ist der Schöpfer dieser Verschiedenartigkeit und gleichzeitig ist er der, der das Verschiedenartige in Einklang bringt, der Harmonie schafft und der Verschiedenheit Einheit verleiht. Nur er kann dies beides tun.

In der Welt von heute sind Disharmonien zu echten Spaltungen geworden: Es gibt diejenigen, die zu viel haben und diejenigen, die nichts haben, es gibt diejenigen, die versuchen, hundert Jahre zu leben, und diejenigen, die nicht einmal geboren werden. Im Zeitalter der Computer bleibt man auf Distanz: man ist mehr „in social networks“, aber weniger sozial. Wir brauchen den Geist der Einheit, der uns als Kirche, als Volk Gottes und als eine Menschheit erneuert. Es gibt immer die Versuchung „Nester“ zu bauen: sich um die eigene Gruppe zu versammeln, um die eigenen Vorlieben, um seinesgleichen, allergisch gegen jede Berührung durch andere. Und vom „Nest“ zur Sekte ist es nur ein kleiner Schritt, auch innerhalb der Kirche. Wie oft definiert man die eigene Identität gegen jemanden oder gegen etwas! Der Heilige Geist hingegen verbindet die Auseinanderliegenden, vereint die Fernen, und bringt die Versprengten zurück. Er vermischt verschiedene Töne zu einer einzigen Harmonie, denn er sieht zuerst das Gute, er sieht auf den Menschen, bevor er auf dessen Fehler / auf die Menschheit, bevor er auf ihr Wirken schaut. Der Geist gestaltet die Kirche und die Welt als Orte von Söhnen und Töchtern, Brüdern und Schwestern. Diejenigen, die nach dem Geist leben, bringen Frieden, wo Zwietracht herrscht und Eintracht, wo es Konflikte gibt. Geistliche Menschen vergelten Böses mit Gutem, sie antworten auf Arroganz mit Sanftmut, auf Bosheit mit Güte, auf Lärm mit Stille, auf Geschwätz mit Gebet, auf Pessimismus mit einem Lächeln. 

Um geist-lich zu sein, um die Harmonie des Geistes zu verkosten, muss man seine Sichtweise der unseren vorziehen. Dann ändern sich die Dinge: im Heiligen Geist ist die Kirche das heilige Volk Gottes, die Mission ist Ansteckung mit Freude, die anderen sind uns Geschwister, die alle vom selben Vater geliebt sind. Ohne den Geist jedoch ist die Kirche eine Organisation, die Mission Propaganda, die Gemeinschaft eine Anstrengung. Das, was die Kirche am meisten braucht, ist der Heilige Geist. Er –so sagt es der hl. Bonaventura- „kommt dorthin, wo er geliebt wird, wo er eingeladen ist, wo er erwartet wird“. Lasst uns jeden Tag zu ihm beten: „Heiliger Geist, Harmonie Gottes, du, der du die Angst in Vertrauen und die Verschlossenheit in Hingabe verwandelst, kehr bei uns ein. Gib uns die Freude der Auferstehung, die ewige Jugend des Herzens. Heiliger Geist, du unsere Harmonie, der du aus uns einen einzigen Leib machst, gieße der Kirche und der Welt deinen Frieden ein. Mache uns zu Handwerkern der Eintracht, zu Säleuten des Guten, zu Sendbotinnen der Hoffnung.“ <<

 

Foto: Kirchenfenster in der Hl.Geist-Kirche in Fischbach - K. Sailer

"Fließe, ströme: Leben – DU / Von der Kraft unseres Getauft-seins“

„Der HERR ließ mich etwas schauen… - so überliefert es uns Ezechiel (im Kap. 47 dieses Prophetenbuches) - …eine Vision - wie ein Traum.“ So wie du manchmal nach einer innerlich bewegten Nacht sagst: ‚Mensch, was mir geträumt hat, was mir da innwendig durch den Sinn, durchs Herz gegangen ist… Hie und da ja auch mittendrin am Tag: unvermittelt starke Bilder, die an deinem geistigen Auge vorüberziehen - hinter der nüchternen Wirklichkeit Ahnungen, die aufsteigen in dir. Oder: Ab und zu machen wir es so im Religionsunterricht oder bei der Andacht im Kindergarten: wir schließen die Augen, um einen inneren Blick zu tun... „Der HERR führte mich in solch einem Traum-Gesicht zu seinem Tempel“ - also nach Jerusalem. Wie schauts da aus, in dieser Stadt, im Hl. Land Israel, manche waren schon dort als Pilger, viele kennen es von Fotos und Berichten: Die Landschaft der Bibel von der Natur her die meiste Zeit eher karg, der Wuchs -anders als bei uns- meist spärlich. Bis auf die fruchtbaren Gefilde im Norden am See Gennesaret und direkt an den Ufern des Jordan ist jetzt im Sommer das Gras ausgedörrt, ein brauner „Struwwelteppich“ sozusagen, der Boden vertrocknet. 

„Und siehe: Da quoll Wasser hervor, es floss heraus, zuerst ein Rinnsal, dann ein plätschernder, ein sprudelnder Bach, knietief schon, schließlich ein Fluss, der in die Arabá, also Richtung arabische Wüste, Totes Meer, in das salzige Wasser dort hinab strömt – „und wohin das Wasser kommt, regt sich Leben, es wächst und reift, Bäume mit Blättern und Früchten - zur Heilung.“

20190610 QuelleinderBuchbergerUnd wo entspringt diese Wasserader des Lebens - am Heiligtum, am Haus Gottes. Will sagen: Gott zeigt sich dem Ezechiel und uns hier in diesem Text nicht als höchste Instanz -und wehe, du folgst nicht; auch nicht als letztes Prinzip – ‚irgendwos mous nou gebm, Herr Pfarrer‘ heißts dann - vielmehr als Quelle, die kostbares Nass in unsre Welt hereinfließen lässt, auf dein Lebens-Erdreich, um es zu befeuchten, zu durchdringen, gerade wo es wüst zugeht in dir und um dich und deine Zuversicht am versiegen ist. Gottes Gnadenstrom wie ein Heilwasser, das du schöpfen kannst, das dich erfrischen will, dir neuen Geschmack am Leben auf die Zunge und ins Herz legt; Gottes Da-sein bei uns   wie ein Wasserreservoir, wo du in der Hitze des Gefechtes Kühlung findest, wie in einer belebenden Dusche oder beim Besuch im Freibad oder nach einer Schwimmstunde am Rothsee - du steigst raus wie umgewandelt, frisch geboren: ‚Jetzt bin ich wieder a Mensch!‘ 

Das Ganze mit dem inneren Auge betrachtet, will sagen: Trau dich, genier dich nicht, einzutauchen in die Gegenwart Gottes - so wie dir gerade zumute ist: „Bei dir, Herr, ist des Lebens Quell, der Trübsal Wasser machst du hell, tränkst uns am Bach der Wonnen“ singen wir in einem Choral.

„Wohin der Fluss kommt, da werden alle Wesen, von denen es dort wimmelt, leben und die Fische werden überaus zahlreich sein.“ Ein symbolisches „Fisch-Abzeichen“ ist auf manchen Autos zu sehen - kombiniere: der Fahrer ist Mitglied in einem Angelsport- oder Fischereiverein…? Leider falsch! Es ist ein altkirchliches Erkennungszeichen - der Fisch heißt auf gut griechisch ICHTHYS und diese Buchstaben lasen die ersten Christen so Iesous CHristos THeou Yios Soter  >>  in deutsch: Jesus / Christus / Gottes / Sohn / Erlösen.  --  Jetzt kannst du den Spruch des Kirchenvaters Tertullian vom Anfang des 3.Jahrhunderts verstehen: >> Wir kleinen "Fische", die so nach unserem großen ICHTHYS Jesus Christus heißen, werden im Wasser (der Taufe) geboren und nur wenn wir uns im Wasser aufhalten, bleiben wir am Leben.“ Was passiert ansonsten mit einem Fisch: er wird ‚schwelch‘, atemlos; es wird lebensgefährlich.

Als Menschen und als Christen haben wir "dicht am Wasser gebaut" - von Anfang an: im Mutterleib herangewachsen - in der bergenden Hülle des Fruchtwassers. Weiter: Wenn große Gefühle und Stimmungen uns bewegen, dann kommt das Grundwasser unserer Seele in Wallung, es steigt auf und tropft uns über die Augenkante - da sind die hellen Tränen des Glücks, der Seligkeit, oder wenn du dich naasch lachen kannst; und da sind die dunklen Tränen der Schmerzen, von Not und Sterbeleid. 

Und: für alle, die sich Christen nennen, ist das Bad der Taufe bzw. das Übergießen mit Wasser das Eintrittszeichen in die Gemeinde Jesu. Taufen ist gleich tauchen - eintauchen in SEIN reiches Erbarmen, unter-tauchen, damit weggeschwemmt, ersäuft (so sagt es Luther) werde der "alte Adam" der Sünde, der Furcht, des Misstrauens, der Selbstbehauptung um jeden Preis und mit dem Auferstandenden auf-tauchen zu neuem Vertrauen und dereinst -im scheinbaren letzten Untergang- aus den Wellen und Wogen des Todes zu ewigem, unvorstellbar großem Leben. 

Die letzte unserer Hl. Schriften, die Offenbarung an den Seher Johannes, nimmt im allerletzten Kapitel der Bibel das Traumbild aus Ezekiel noch einmal auf: „Und der HERR zeigte mir in einer Vision das neue Jerusalem und darin den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, er entspringt am Thron Gottes und des Lammes und dient zur Heilung der Völker; nichts wird mehr ohne SEINEN Segen sein.“ Meine Mitchristen: Bleiben wir auf unseren Ursprung bezogen, halten wir uns auf in diesem SEINEM Element.

Ein kleiner Hinweis noch: Es heißt wörtlich in Ez 47,1: „Das Wasser floss von der rechten Seite des Hauses Gottes herab.“ Wenn du Darstellungen Jesu am Kreuz genau anschaust, vor allem aus älteren Zeiten, aus Holz geschnitzt oder auf Leinwand gemalt, so auch hier in der Peter und Paul-Kirche in Leerstetten am Kruzifix hoch am Bogen über uns, dann fällt auf, dass die Herzenswunde Jesu meist auf der rechten Seite des Gekreuzigten abgebildet ist. Jesu geöffnete Seite - herrührend davon, dass ein Soldat den sterbenden Jesus mit einer Lanze in die Seite stach, um zu sehen, ob er schon tot war. „Da -so bezeugt das Johannes-Evangelium- flossen Blut und Wasser hervor.“ - Moment mal: Befindet sich unser Herz normalerweise nicht eher links von der Mitte -klar, aber es geht da nicht um eine biologische Aussage, sondern um eine Nachricht des Glaubens. Der Johannes kennt seine Bibel, das Alte/Erste Testament sehr gut - auch die Tempelquellengeschichte: „Das Wasser rieselte rechts aus dem Heiligtum hervor.“ Er will sagen: In Jesus hat uns Gott sein wahres Gesicht gezeigt und sein Herz in Liebe eröffnet; er, unser Heiland, hat sein Herz ‚auf dem rechten Fleck‘ - für uns und für alle Welt; der wahre Ort für Gottes Gegenwart ist Jesus Christus: schau auf ihn, erfrische dich an seinem Wort und Sakrament; lass seinen Geist, der von der Taufe her ausgegossen ist über dir, von dir ausgehen auf jene, die dir begegnen. Damit die Kraft des Glaubens nicht versandet, sondern weiterfließt hin zu kommenden Generationen und Zeiten, als heilsame, belebende, zukunftsträchtige Gabe; gebe es Gott!                           

Michael Kneißl  (im ökumenischen Tauferinnerungs-Gottesdienst am Pfingstmontag in Leerstetten)

Bild: Quelle in der Buchberger Leite – Hermann Lahm

„Was uns Steine erzählen und künden…“

 Anregungen zu Gottes Wegen mit uns in seinem Jesus

Jene, die Jesus folgen auf seinem Weg durchs Land und bei seinem Einzug zum großen Fest in Jerusalem, rufen den Lobpeis auf ihn, den Gesalbten Gottes, kraftvoll aus: „Gesegnet sei ER, der kommt im Namen des HERRN – hosianna“. – Einige Hochreligiöse schreiten ein: „Jesus, Meister, bring sie zur Vernunft, gebiete ihnen zu schweigen!“. Er entgegnet: „Wenn diese hier schweigen, dann werden die Steine schreien…“ (Lk 19, 37f)

Seit langem ‚beschäftigt‘ mich dieser Schlussvers im Palmsonntags-Evangelium nach Lukas. Wenn wir vor einem altehrwürdigen Gebäude stehen, einem Gotteshaus, einer Burganlage, auch angesichts eines Ruinenfeldes, dann sagen wir manchmal: Wenn diese Steine hier reden könnten, die wüssten wohl viele Geschichten zu erzählen, was hier alles geschehen ist, wer an diesem und jenem Ereignis wie beteiligt war… So will ich Steine, Erdreich zu Wort kommen lassen, die mit IHM und seiner befreienden, erlösenden Geschichte in Beziehung stehen:

„Ich bin doch kein Esel! Oder lieber doch…?“

 

Gedanken von Michael Kneißl, Seelsorger im Pfarrverband „brücken-schlag“, veröffentlicht im Schwabacher Tagblatt am 13. April 2019:

Die kommenden Tage und Nächte um den Frühlings-Vollmond haben in der jüdisch-christlichen Überlieferung eine uralte Geschichte. Sie sind verbunden mit dem intensiven Wunsch nach Befreiung aus äußeren und inneren Fesseln, mit der Hoffnung, dass nicht das Geld die Welt regiert, sondern die Haltung des Miteinander und Füreinander uns prägt. Dass es Platz gibt für alle Menschenkinder im gemeinsamen Haus Erde. Dass der Geist des Friedens und der Gerechtigkeit und die wache Sorge für alles Lebendige die Schöpfung durchweht.